Kategorie: Schönheit

L’art pour l’art – die Kunst um der Kunst willen

Kleinöde

Gäste aus der Kneipe haben in Eigenregie ein Buch veröffentlicht:
Kleinöde. Ein Bildband zur Idee und Praxis städtischer Plätze in Frankfurt am Main.
Der lyrische Titel und der etwas sperrige Untertitel stehen meines Erachtens für einen sehr gelungenen Stadtführer, der höchsten Ansprüchen genügt – inhaltlich und ästhetisch. Mittels vielen Schwarz-Weiß-Fotografien werden in den dazugehörigen Beiträgen die Plätze lokalisiert, historisiert und beschrieben. Besondere Punkte innerhalb der Plätze, wie Kneipen, Läden usw. werden benannt und erklärt.
Für € 19,90 bekommt man ein außergewöhnliches Buch über Frankfurt. Darüberhinaus haben die Autoren ein witziges Quartett zum Buch erfunden, was man für € 7,- kaufen kann.
Beides gibt es in der Vowi, wenn es nicht ausverkauft ist.

„…Außenbordmotor ihrer Vagina.“

Hilary Mantel schreibt in erster Linie historische Romane. Dabei schafft sie es, historische Komplexität so darzustellen, dass dem Leser kein altbackenes, sondern ein frisch aus dem Ofen gezogenes Brot serviert wird.
Jetzt hat sie einen Band mit Erzählungen veröffentlicht. Eine lautet „Die Ermordung von Margaret Thatcher“. Bei Bayern 2 kann man sich diese Kurzgeschichte in der Mediathek anhören. Dafür wurde sie in Großbritannien angegriffen, wie sie sich so etwas nur ausdenken könnte:
Wie kann man einen Mord an der britischen Premierministern auch nur gedanklich durchspielen.

Ihr jungen Leute werdet es kaum noch wissen, aber Maggie Thatcher stand für vieles, was Pink Floyd melodramatisch und psychisch überzeichnet auf ihren Schallplatten/CDs (Animals, The Wall, The Final Cut) von Ende der 70er bis Ende der 80er des vorigen Jahrhunderts ausdrückten.
Weniger dramatisch, aber vielleicht treffender, spuckten Punks und ihre New Wave-Ausläufer auf all das, wofür sie stand:
Kalter, aggressiver, anonymer Kapitalismus nach innen und außen: Falkland-Konflikt mit Argentinien, Kalter Krieg mit den Staaten des Warschauer Vertrages, Schließung vieler bzw. fast aller Kohlengruben, starke Einschränkung bzw. Abbruch von Sozialprogrammen usw.

Hilary Mantel meint, dass sie ein Problem mit ihrer Weiblichkeit in einer ausschließlich von Männern geprägten Welt hatte. Zwar war sie eine Frau, doch ahmte sie einen Mann nach. Ihr blieb nur, neben dem uniformen Kostümen und ihrer Betonfriseur, die wiederum den Männern in ihren ewigen Anzügen und ihren aus der Stirn gekämmten Haaren glichen, ihre Handtasche als äußeres Merkmal der Weiblichkeit: „Thatcher schleuderte ihre Handtasche herum wie einen Außenbordmotor ihrer Vagina.“

Immer das Gleiche

Mittagszeit. Der große Mann stützt die Ellenbogen auf
den Tresen. Breite Schultern über einen starken Körper.
Eine Hand am Bierglas. Mit der anderen streicht er die
die Haare am Hinterkopf fest. Sie sind von den Ohren nach
hinten zur Mitte gekämmt und glänzen. Aus der Gesäßta-
sche der schwarzen Lederhose ragt eine Kammhälfte her-
aus. Am Nietengürtel hängt ein Schlüsselbund. Sich kurz-
seitig immer wieder abwendend, sieht er zu der anderen
Thekenseite hinüber. Dort sitzt ein schmächtiger junger
Mann. Die Haare kurz und frisch vom Frisör. Er tragt ei-
nen Anzug aus der Marckenecke im Kaufhaus. Mit wen-
igen Worten und seinem Lachen erreicht er die Frau hinter
dem Tresen. Die lacht ihn an. Mag sich nicht wegwenden.
Der Breitschultigre sieht jede ihrer Gesten. Wohltaten an
dem anderen. Schließlich wird der andere mit ei-
nem Kuß verabschiedet. Der Große sucht in der Lederhose
nach Geld, fragt kaum hörbar, zahlt. Dann zieht er im Ge-
hen seine Jeans-Jacke an. Auf dem Rücken ein mürrischer
Adler mit braungelb erstarrten Schwingen.

aus
Heinz Kattner
Als riefe jemand den eigenen Namen. Lyrische Prosa.
Springe 2007, S. 15

Volker Luley liest aus seinem Buch „Ajù Sardinien!“

Der Lehrer, Maler und Geschichten erzählende Volker Luley liest am Sonntag, den 19.Januar 2014 aus seinem neuen Buch „Ajù Sardinien!“, welches im Morlant-Verlag erschienen ist. Er hat seine Erlebnisse, die Begegnungen mit den ansässigen Bauern eines kleinen sardischen Tals in teils amüsanten, teils makabren Geschichten festgehalten, ist ein stückweit in die Tradition der Insel vorgedrungen, einer von Armut und Misstrauen gekennzeichneten Lebensweise, die jetzt allmählich mit einer neuen Generation verschwindet.

Die Lesung beginnt um 16 Uhr.
Mit Volker Luleys Geschichten aus dem Valdimela, rotem und weißem Wein des sardischen Weingutes Dettori, knusprigem pane carasau, regionaler Musik und Bildern soll die Insel Sardinien näher gebracht werden.

Hier findet ihr Volker Luleys aktuelle Homepage mit seinen Bildern.

Kalter Kaffee in Tiflis: Absurde Geschichten eines deutschen Gesandten

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Am 08.10.13 erscheint das Buch unseres Gastes
Dustin Dehez
Kalter Kaffee in Tiflis: Absurde Geschichten eines deutschen Gesandten.

Bei einem HR-Interview neulich in der Vowi wurde Dustin, gut sichtbar auf dem dritten Foto (lesend aus seinem neuen Buch, umrahmt von anderen künstlerischen Schwergewichten, die häufiger die Vowi frequentieren), aufgenommen:
Links die Fotos vom neuen Amselmann-Film (den Machern von „Blutgericht in Ginnheim“), der hoffentlich bald seine Uraufführung in der Vowi erleben wird,
rechts in der Mitte das Plakat von Hannes‘ Comic-Strip-Buch „Das Kleine Schwarze“, was 2011 zur Buchmesse vorgestellt wurde, und
rechts oben eine Schallplatte der Copy Cats, einer der letzen großen Punkrockbands Frankfurts.

Dustin wird am Sonntag, den 03.11.13 sein Buch vorstellen. Bei Prominente Diskussionspartnern (u.a. der Kirchheimer Generalkonsul) wurde angefragt.
Sein Buch berichtet von seinen Erlebnissen als Politikberater und er erkennt -und hier gibt es Ähnlichkeiten mit der Welt des Bockenheimer Wirtes-, dass die Welt vor dem Tresen alle Ingredienzien eines Shakespeare-Dramas enthält, das man im besten Falle entwirren, aber kaum verstehen kann.
Die Memoiren des Wirtes würden dann lauten:
„Warmes Bier gibt’s auch hinterm Jordan: Absurde Geschichten eines Bockenheimer Wirtes“

Auf der Jordanstraße 1974

Auf der Seite Faustkultur fand ich ein Interview mit dem Schriftsteller Peter Kurzeck, wo er u.a. seinen ersten Besuch in der Jordanstraße schildert. Die darin vorkommende Kneipe „Narrenschiff“ befand sich gegenüber der „Volkswirtschaft“ in der Jordanstraße 15 (Ecke Kiesstraße) und ist heute eine Wohnung.

„… Ihre Romane spielen zum größten Teil in Bockenheim, in der Jordanstraße, wo die Karl Marx Buchhandlung steht, weil Sie dort zu der Zeit, von der Sie so ausufernd schreiben, gelebt haben. Meine Frage nun an Sie als Figur ihres eigenen Romans: Sie gehen immer durch die Jordanstraße, aber sie gehen nicht über den Jordan?

Eigentlich nicht, nein. Ich habe die Jordanstraße, lange bevor wir dahin zogen, kennen gelernt, und zwar im Zusammenhang mit diesen RAF-Geschichten in den 70er Jahren. Ich wollte damals für einen Freund, der bei einem RAF-Anwalt arbeitete, der also vielleicht auch in der RAF war, eine Fluchtadresse besorgen. Er war schon untergetaucht, hatte aber keine Fluchtadresse. Die Mitbewohner aus seiner ehemaligen WG waren auch als RAF-Sympathisanten bekannt. Ich habe also mit einem Freund zusammen versucht, für ihn eine Fluchtunterkunft zu organisieren, weil er von dort, wo er war, möglichst schnell weg musste. So habe ich also die Sybille kennen gelernt. Sie war damals 18, noch Schülerin und hat in einer leeren Fabrik am Stadtrand gewohnt. Während also alle anderen, auch die Leute, die man als großspurige RAF-Sympathisanten und Provinzrevolutionäre kannte, plötzlich alle keine Zeit hatten und sich herausredeten, dass sie selbst schon überwacht würden, und Ähnliches – und darauf natürlich auch noch stolz waren – hat Sybille das sofort gemacht. Wir haben also diesen Freund da hingebracht. Dann bin ich mit einem entfernten Bekannten nach Frankfurt gefahren, um ein paar Kontakte herzustellen. (Ich glaube, er wurde später an der Schweizer Grenze angeschossen.) Mit diesem eigentlich Unbekannten zusammen wollte ich herausfinden, ob in der Wohnung meines Freundes schon eine Hausdurchsuchung stattgefunden hatte, ob man ihn also schon suchte. Wir haben uns an der Jordanstraße getrennt, weil er noch jemanden allein treffen wollte. Man sollte ja auch nicht mehr mitbekommen, als man unbedingt wissen musste. Dann bin ich in der Jordanstraße in eine Kneipe, das „Narrenschiff”, gegangen, die es heute nicht mehr gibt. Wir hatten uns folgendermaßen verabredet: Er sagte: „Da vorne bei der Gräfstraße, wo die Jordanstraße aufhört, und es weiter zum Campus geht, da wollen wir uns in einem Café treffen“. Es war vielleicht acht oder auch etwas später. Ich habe also im „Narrenschiff“ gewartet und als ich wieder raus kam, inzwischen war es ganz dunkel und das Pflaster von der Jordanstraße glänzte, und diese schönen Fabrikhallen standen noch da, die so spukhaft aussahen, weil sie die Backsteine weiß angestrichen hatten, und daneben standen diese riesigen alten Häuser, die aussahen wie Prager Häuser und fast durchsichtig waren, weil der Verputz einfach völlig verblichen war; auf dieser damaligen Jordanstraße stand ich nun. Ich bin dann die Straße langsam hinaufgelaufen, zu dem Café und fühlte mich irgendwie verfolgt. Es hätte ja auch sein können – das war bei diesen Geschichten damals so –, dass man seit Tagen überwacht wird, und irgendwann nehmen sie einen fest oder legen einen um. Die haben damals Leute auf der Flucht erschossen, die sie nicht unbedingt hätten erschießen müssen. All das, diese Angst ging mir jedenfalls durch den Kopf, als ich die Jordanstraße hinaufging und merkte, wie ungeheuer sich die Wahrnehmungsfähigkeit steigert, wenn man denkt, das ist jetzt vielleicht dein letzter …, also wenn es nicht nur so eine Spiel ist. Sondern wenn man denkt: „Du gehst jetzt hier, als wäre das dein letzter Weg“. Und dann sieht man erst richtig, wie die Pflastersteine leuchten. Die hatten auch ganz andere Laternen in der Jordanstraße damals, um die Laternen herum war ein Lichthof wegen der Feuchtigkeit – das war auch Ende Oktober, 1974. Und ich hatte ja gerade durch diesen Freund die Sybille kennen gelernt. Ich habe also zu mir gesagt: „Geh langsam die Straße hoch und merke dir jeden Atemzug. Und wenn du lebend durchkommst und auch nicht festgenommen oder erschossen wirst, dann suchst du den Straßennamen und merkst ihn dir! Wenn du die ganze Situation überlebst, nicht nur den heutigen Abend, dann kommst du irgendwann hierher und weißt dann für immer wie die Straße heißt. Und dann gehst du einfach hier noch einmal entlang, und gehst dann völlig ungefährdet.“ Und dann kam ich vorne hin und das stand: „Jordanstraße.“

Das aktuelle Buch von Peter Kurzeck heißt Vorabend und ist beim Stroemfeld-Verlag erschienen.

„…einen monatlichen Umsatz von nicht viel mehr als vier Tonnen Bier.“

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Uwe Johnson der große deutsch-(deutsche) Schriftsteller, der leider viel zu früh, wohl auch am Suff, 1984 verstarb, hatte zu Beginn der 60er Jahre vor, einen Roman über Fluchthelfer aus Westberlin zu schreiben. Diese hier organisierten die Flucht aus der DDR ohne kommerzielle Ziele. Sie hatten ausschließlich politische Gründe. Uwe Johnson interviewte für sein Projekt einige der Fluchthelfer, verfolgte aber den Roman nicht weiter. Glücklicherweise sind zwei Interviews und ein Stück Prosa erhalten geblieben und jetzt als Buch
Uwe Johnson, Ich wollte keine Frage ausgelassen haben. Gespräche mit Fluchthelfern.
Berlin 2010
– erschienen.
In diesem Prosafragment, daß in einer Westberliner Kneipe spielt, fand ich folgende Passagen, die mich schon ein wenig an die Vowi erinnerten:

„Zu der zimmerbreiten, hallenhohen Höhle, die schon in der Dämmerung wie ein bürgerlicher Wohnraum ausgeleuchtet war, hielt eine Skatclique und anderer Stamm, der seit dem Krieg an die Wirtsleute gewöhnt war, da wurde über die Straße verkauft an Ehefrauen, die den Mann zu Hause halten wollten, mochte er dabei trinken, da kamen nach Ende der Kinovorstellungen, der Fernsehprogramme Paare ohne Durst und andere Laufkundschaft von der Bushaltestelle, dem diesseitigen Aufgang der Untergrundbahn, und schafften alle einen monatlichen Umsatz von nicht viel mehr als vier Tonnen Bier.

Bis in den späten Nachmittag war die Wirtin, eine junge Person, meist allein mit dem näselnden Ton des Wasserüberlaufs, den acht viersitzigen Tischen, der Stammecke, der altertümlich verzinkten Theke, den Flaschen in dem fichtenen, auf altdeutsch zugesprochenen Regal…

Gegen die Wasserflecke, die graugelbe Schmutzfärbung im Stuckfries unter der zweimannshohen Decke, im Lampenmedallion konnte sie kein Geld aufwenden, die Stühle mußten so schäbig bleiben, und überdies war der Stamm der Gäste empfindlich gegen allzu zeitgemäße Neuerungen, so daß die Buntdrucke mit gebirgigen und Birkenwaldansichten unter den rosa beschirmten Lämpchen an den Wänden weiterhin den versonnensten Blicken ausgesetzt bleiben…“

1965
Uwe Johnson, Eine Kneipe geht verloren., S. 203-234
in Uwe Johnson, Ich wollte keine Frage ausgelassen haben. Gespräche mit Fluchthelfern.
Berlin 2010
Original-Interviews von Uwe Johnson
 

Tomas Tranströmer

Schwimmen

wenn man schwimmen will
muß das Wasser lebendig sein
muß das Wasser auf der Flucht sein
mit Kieselsteinen im Munde

wer schwimmt
wer das Wasser auf dem Instrument seiner Haut spielen läßt
ist ein weicher Anker
zwischen Strömen
ein Würfel
hell wie eine Fackel
allein wie ein ertrunkner Soldat
der Schwimmende brennt sachte
er ist ein Köder
für den hungrigen Bootssteg
er erregt Unruhe
wenn ein Strand da ist
doch selber geht er ruhig über grenzenlose Berge
mit Feuer in den Lungen

 

Tomas Tranströmer, der Literaturnobelpreisträger 2011 aus Schweden, hat nicht all zuviel Gedichte geschrieben. „Schwimmen“ ist eines seiner ersten veröffentlichten aus dem Jahre 1948.
Er beschränkt sich, tritt hinter seinen Gedichten zurück und läßt den Wörtern ihren Raum.
Tomas Tranströmer bei Planetlyrik

Küssen

Manche Dinge kann man scheinbar nicht historisieren. In Sachsen wurde vor knapp vierhundert Jahren zumindestens -rhetorisch- nicht anders geküßt als heute.

Paul Flemming

Wie er wolle geküsset seyn

Wie er wolle geküsset seyn

Nirgends hin / als auff den Mund /
da sinckts in dess Hertzens Grund.
Nicht zu frey / nicht zu gezwungen /
nicht mit gar zu fauler Zungen.

Nicht zu wenig / nicht zu viel!
Beydes wird sonst Kinder-spiel.
Nicht zu laut / und nicht zu leise /
Beyder Mass‘ ist rechte Weise.

Nicht zu nahe / nicht zu weit.
Diss macht Kummer / jenes Leid.
Nicht zu trucken / nicht zu feuchte /
wie Adonis Venus reichte.

Nicht zu harte / nicht zu weich.
Bald zugleich / bald nicht zugleich.
Nicht zu langsam / nicht zu schnelle.
Nicht ohn Unterscheid der Stelle.

Halb gebissen / halb gehaucht.
Halb die Lippen eingetaucht.
Nicht ohn Unterscheid der Zeiten.
Mehr alleine denn bei Leuten.

Küsse nun ein Jedermann /
wie er weiss / will / soll und kan.
Ich nur und die Liebste wissen /
wie wir uns recht sollen küssen.

Zum Thema Küssen gibt es noch -ich erwähnte es bereits-, von
Bonnie Prince Billy
und
Scout Niblett,
die beide mit neuen CDs glänzen bzw. bald glänzen ein Lied, welches Kuß heißt:

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=0uDlvl7jNn8&hl=de_DE&fs=1&]

Der Rabe

Edgar Allan Poe
Der Rabe

Eines Nachts aus gelben Blättern mit verblichnen Runenlettern
Tote Mären suchend, sammelnd von des Zeitenmeers Gestaden
Müde in die Zeilen blickend und zuletzt im Schlafe nickend
Hört´ ich plötzlich leise klopfen, leise doch vernehmlich klopfen
Und fuhr auf – erschrocken stammelnd: „Einer von den Kameraden“,
„Einer von den Kameraden“

In dem letzten Mond des Jahres, um die zwölfte Stunde war es,
Und ein wunderlich Rumoren klang mir fort und fort im Ohre
Sehnlichst harrte ich des Tages, jedes neuen Glockenschlages;
In das Buch vor mir versenken, wollt ich all mein Schmerzgedenken,
Meine Träum´ von Leonoren, meinen Gram um Leonore,
Um die tote Leonore

Seltsame, phantastisch wilde, unerklärliche Gebilde,
Schwarz und dicht gleich undurchsicht´gen nächtig dunklen Nebelschwaden
huschten aus den Zimmerecken, füllten mich mit tausend Schrecken
So dass ich nun bleich und schlotternd, immer wieder angstvoll stotternd
Murmelte, mich zu beschwichtigen: „Einer von den Kameraden“,
„Einer von den Kameraden“

Alsbald aber mich ermannend, fragt´ ich – jede Scheu verbannend –
Wen der Weg noch zu mir führe: „Mit wem habe ich die Ehre?“
Hub ich an, weltmännisch höflich: „Sie verzeihen, ich bin sträflich,
Dass ich Sie nicht gleich vernommen; seien Sie mir hochwillkommen!“
Und ich öffnete die Türe – nichts als schaudervolle Leere
Schwarze, schaudervolle Leere.

Lang in dieses Dunkel starrend, stand ich fürchtend, stand ich harrend,
Fürchtend, harrend, zweifelnd, staunend, meine Seele ganz im Ohre –
Doch die Nacht blieb ungelichtet, tiefes Schwarz auf Schwarz geschichtet,
Und das Schweigen ungebrochen, und nichts weiter ward gesprochen,
Als das eine, flüsternd, raunend, das gehauchte Wort: „Leonore“
Das ich flüsterte „Leonore!“

In mein Zimmer wiederkehrend und zum Sessel flüchtend,
während Schatten meinen Blick umflorten, hörte ich von neuem klopfen,
Diesmal aber etwas lauter, gleichsam kecker und vertrauter.
An dem Laden ist es, sagt´ ich, und mich erheben wagt´ ich,
Sprach mir Mut zu mit den Worten: „Sicher sind es Regentropfen“
„Weiter nichts als Regentropfen“.

Und ich öffnete: Bedächtig schritt ein Rabe groß und nächtig,
Mit verwildertem Gefieder ins Gemach und gravitätisch
Mit dem ernsten Kopfe nickend, flüchtig durch das Zimmer blickend,
Flog er auf das Türgerüste, und auf einer Pallasbüste
Liess er sich gemächlich nieder, sass dort stolz und majestätisch,
Selbstbewusst und majestätisch.

Ob des herrischen Verfahrens und des würdigen Gebarens
Dieses wunderlichen Gastes schier belustigt sprach ich:
„Grimmer Unglücksbote des Gestades aus dem Flussgebiet des Hades
Du bist sicher hochgeboren, kommst du gradwegs von den Toren
Des plutonischen Palastes? Sag, wie nennt man dich Dort – „Nimmer!“
Hört ich da vernehmlich: „Nimmer!“

Ob Wahrlich, ich muss eingestehen, dass mich eigene Ideen
Bei dem dunklen Wort durchschwirrten, ja dass mir Gedanken kamen,
Zweifel vom bizarrsten Schlage; und es ist auch keine Frage,
Dass dies seltsame Begebnis ein vereinzeltes Erlebnis:
Einen Raben zu bewirten mit solch ominösem Namen,
Solch ominösem Namen.

Doch mein düsterer Gefährte sprach nichts weiter und gewährte
Mir kein Zeichen der Beachtung. Lautlos, stille ward’s im Zimmer
Bis ich traumhaft, abgebrochen (halb gedacht und halb gesprochen)
Raunte: „Andre Freunde gingen, morgen hebt auch er die Schwingen,
Lässt dich wieder in Umnachtung.“
Da vernahm ich deutlich: „Nimmer.“

Stutzig über die Repliken, mass ich ihn mit scheuen Blicken,
Sprechend: Dies ist zweifelsohne sein gesamter Schatz an Worten
Einem Herren abgefangen, dem das Unglück nachgegangen,
Nachgegangen, nachgelaufen, bis er auf den Trümmerhaufen
Seines Glücks dies monotone „Nimmer“ seufzte allerorten,
Jederzeit und allerorten.

Doch der Rabe lieb possierlich würdevoll, und unwillkürlich
Musst´ ich lächeln ob des Wichtes: Alsdann mitten in das Zimmer
Einen samtnen Sessel rückend und mich in die Polster drückend,
Sann ich angesichts des grimmen, dürren, ominösen, schlimmen
Künders göttlichen Gerichtes, Ÿber dieses dunkle „Nimmer“,
Dieses rätselhafte „Nimmer.“

Dies und anderes erwog ich, in die Träumeslande flog ich,
Losgelöst von jeder Fessel. Von der Lampe fiel ein Schimmer
Auf die violetten Stühle, und auf meinem samtnen Pfühle
Lag ich lange, traumverloren, schwang ich mich auf zu Leonoren,
Die in diesen samtnen Sesel nimmermehr sich lehnet, nimmer,
Nimmer, nimmer, nimmer.

Plötzlich ward es in mir lichter und die Luft im Zimmer dichter,
Als ob Weihrauch sie durchwehte. Und an diesem Hoffnungsschimmer
Mich erwärmend, rief ich: „Manna, Manna, schick du Gott, Hosianna;
Lob ihm, der die Gnade spendet, der dir seine Engel sendet! Trink,
o trink aus dieser Lehte und vergiss Leonore! – NIMMER!“
Krächzte da der Rabe. „Nimmer!“

„Nachtprophet, erzeugt vom Zweifel, seist du Vogel oder Teufel –
Triumphierend ob der Sünder Zähneklappern und Gewimmer
Hier, aus dieser dürren Wüste, dieser Stätte geiler Lüste,
Hoffnungslos, doch ungebrochen, und noch rein und unbestochen,
Frag´ ich dich, du Schicksalskünder: Ist in Gilead Balsam?“ – „Nimmer!“
Krächzte da der Rabe. „Nimmer!“

„Nachtprophet, erzeugt vom Zweifel, seist du Vogel oder Teufel –
Bei dem göttlichen Erbarmen, lösch nicht diesen letzten Schimmer!
Sag´ mir, find ich nach dem trüben Erdenwallen einst dort drüben
Sie, die von dem Engelschore wird geheissen Leonore?
Werd´ ich sie dort einst umarmen, meine Leonore?“ – „Nimmer“,
Kächzte da der Rabe. „Nimmer!“

Und auf meinem Türgerüste, auf der bleichen Pallasbüste,
Unverdrossen, ohn´ Ermatten, sitzt mein dunkler Gast noch immer.
Sein Dämonenauge funkelt und sein Schattenriss verdunkelt
Das Gemach, schwillt immer mächt´ger und wird immer grabesnächt´ger –
Und aus diesen schweren Schatten hebt sich meine Seele nimmer,
Nimmer, nimmer, nimmer, nimmer.

Foto Sven Bratulic, 2024