Kategorie: 20. Geburtstag 2017

20 Geschichten aus 20 Jahren und mehr

Hamburg

20 Jahre voll mit Geschichten aus der Volkswirtschaft
Nr. 12: Hamburg

„Heb mir ein Astra auf, Vera. Ich trinke es nach dem ersten Tor!“

Als Hans-Jochen Vogel seine Memoiren geschrieben hatte, wollte er sie unter dem Titel „Klarsichhülle“ veröffentlichen, wird kolportiert. „Klarsichthülle“ war sein Spitzname. Daten und Fakten im Einzelnen bzw. Ordnung im Politischen symbolisierten für den ehemaligen Kanzlerkandidaten der SPD die Klarsichthülle (besser die Liste in der Klarsichthülle). Ich kann diese Leidenschaft verstehen. Listen mit Notizen pflasterten meinen Weg. Sie sind die Meilensteine und Kreuzungen meines Lebens.

Die in der Kneipe gefundene Liste von unserem Gast Don Elmo ist eine schöne Liste, nicht nur wegen seiner schmeichelnden  Schrift. Sie könnte als biografische Quelle dienen. Entscheidende Punkte seines Lebens werden benannt, als er, bedingt durch seine Arbeit, von Deutschland nach Mexiko zog. Anhand der Liste ließe sich mit etwas Phantasie und Dichtung Folgendes über Don Elmo schreiben:
Seine schöne Schrift, die Feingeist gepaart mit Ordnungsinn veriet, stand im Wiederspruch zur Körperfülle. Immer hatte er eine Tüte Gummibärchen griffbereit, die er gerne reihum gehen ließ. Es sollte allen gut gehen. Sein Hang zum bierseligen Gelage in Eckkneipen war ausgeprägt. Aber er trank immer mit Sinn und Verstand. Seine Leidenschaft zu Golf, Tennis, wie zu teureren Uhren, waren kein Geheimnis. Ihm machte es nichts aus, auf den linken Fußballverein St. Pauli zu halten und gleichzeitig dem umgedrehten Diktum Franz Josef Strauß‘, dass links neben der SPD der Abgrund sei, zu glauben. Und jetzt Mexiko…

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2010. Eine Liste gefunden am Tresen.

Don Elmo ist Fan der Fußballmannschaft von St. Pauli aus Hamburg. Eine Weile hat die Kneipe die Spiele des Vereins gezeigt. Zwei andere norddeutsche Gäste sind bzw. waren St. Pauli-Fans.

Der eine ist in meinen Augen der Gast, der mit seinem Lebensentwurf ein Alleinstellungsmerkmal besitzt. Bei ihm stehen Anschauungen nahtlos nebeneinander, die im Leben der meisten anderen nicht existieren. Als ob er zwischen mehreren Sprachen in einem Satz wechselt, aber dies als eine Sprache ausgibt, die klar und verständlich ist. Ich habe in 20 Jahren keinen Vergleichbaren kennengelernt.
Längst nicht alle schätzen seine Art. Für einige ist er ein bunter Vogel. Andere sehen ihn weit kritischer und wundern sich, dass ich seine Geschichten, so seltsam sie auch seien mögen, verteidigte im Glauben, ihn verstanden zu haben. Allerdings häuften sich bei ihm politische Plattitüden, Voreingenommenheiten und Vorurteile vor allem nach zu viel Alkohol. Es brauchte die Vernunft und Klarsicht eines anderen weitaus jüngeren Besuchers, der mich damit konfrontierte. Er stellte mich, nach einer für meinen Gast typischen unverbesserlichen Aktion in der Kneipe, vor die Wahl. Entweder geht er oder der andere. Ein Gespräch lehnte mein exzentrischer Gast ab. Seitdem ist er nur noch selten in der Kneipe anzutreffen.

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2006. Fussball-WM.

 

Der andere bedeutende St. Pauli-Fan und Gast war Olaf. Er ist 2013 verstorben. Sein plötzlicher Tod war ein Schock. Durch die jahrelange stille Präsenz hinterlässt sein Wegbleiben ein Verlust, der die Zeitlosigkeit der Eckkneipe gegenzeichnet. Das ist denen, die jahrelang mit ihm vor dem Tresen standen, schmerzlich bewusst. Seine ruhige, letztendlich verschlossene Art, die sich hin und wieder bei St. Pauli-Spielen in hysterischem Gelächter äußerte, fehlen. Die Zusammenkunft nach seinem Tod in der Kneipe war für die Anwesenden gut, um sich dem Unfassbaren seines Todes gemeinsam zu stellen. Olaf, so vermute ich, hätte über so viel Anteilnahme ein wenig gegrinst, eine geraucht und nach dem nächsten St. Pauli-Spiel gefragt. Ein Kristall-Weizen mit einem Schuss Sprite ist nach ihm benannt: Die Pauli- oder Olafschorle.

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2013. Olaf.

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Das Foto hängt seit der Trauerfeier 2013, angebracht von Fabrice, auf der Rückseite des Straßenschildes vor der Kneipe. Olaf umgeben von Fabrice und FF, aufgenommen 2010.

Hamburg ist ein gewisser Bezugspunkt. Wie beschrieben kamen viele sehr interessante Gäste aus Hamburg und Umgebung. Einige zogen dahin bzw. zurück. Die Idee der beiden selbst gemachten Schnäpse (Saurer und Mexicana), die Vera in die Kneipe brachte, kommt aus Hamburg.

2016. Mexicana

2016. Mexicana

„Ich dreh‘ durch. Die machen nichts, kriegen keinen Pass hin, und vor dem Tor haben sie die Hosen voll. Gib mir das Astra, aber ich rauch‘ erstmal eine!“

Zeit

20 Jahre voll mit Geschichten aus der Volkswirtschaft
Nr. 11: Zeit

„Hallo Vera, ich würde noch einen Kleinen Apfelwein nehmen und vielleicht könnte ich ein Gedicht vortragen.“

In allen hier geschriebenen Geschichten versuche ich die Zeit festzuhalten. Sie soll nicht verloren gehen. Damit meine ich nicht die Patina einer Eckkneipe.

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1999. Rechts neben dem Eingang.

Im übertragenen Sinn wird starr auf die Vergangenheit geschaut: Es war so, es ist so, es wird immer so sein. Der Welt in ihren Teilen ganz nah zu sein ermöglicht die erzählte Zeit. Wenn sie in Wörter gesetzt, einfühlsam Abstand haltend und dabei nichts außer acht lassend erzählt wird.
Einfacher ausgedrückt, bedeutet dies, dass Geschichten erzählt werden, um sich zu erinnern.
Vermittelt durch unseren Gast Alexander las der Autor Peter Kurzeck 2009 in der Kneipe. Zuerst erzählte Peter Kurzeck in seinem leisen nordhessischen Dialekt, über das Leben in der Jordanstraße aus dem Gedächtnis. Was wie eine nette Plauderei klingt, wird zu einem stetigen Strom der Erinnerung. Später las er aus seinem neusten Roman „Oktober oder wer wir selbst sind“.

Kurzeck über seinen ersten Gang auf der Jordanstraße:
„Ich habe die Jordanstraße, lange bevor wir dahin zogen, kennen gelernt, und zwar im Zusammenhang mit diesen RAF-Geschichten in den 70er Jahren…
Wir haben uns an der Jordanstraße getrennt…Dann bin ich in der Jordanstraße in eine Kneipe, das „Narrenschiff”, gegangen, die es heute nicht mehr gibt. Wir hatten uns folgendermaßen verabredet: Er sagte: „Da vorne bei der Gräfstraße, wo die Jordanstraße aufhört, und es weiter zum Campus geht, da wollen wir uns in einem Café treffen“. Es war vielleicht acht oder auch etwas später. Ich habe also im „Narrenschiff“ gewartet und als ich wieder raus kam, inzwischen war es ganz dunkel und das Pflaster von der Jordanstraße glänzte, und diese schönen Fabrikhallen standen noch da, die so spukhaft aussahen, weil sie die Backsteine weiß angestrichen hatten, und daneben standen diese riesigen alten Häuser, die aussahen wie Prager Häuser und fast durchsichtig waren, weil der Verputz einfach völlig verblichen war; auf dieser damaligen Jordanstraße stand ich nun. Ich bin dann die Straße langsam hinaufgelaufen, zu dem Café…als ich die Jordanstraße hinaufging und merkte, wie ungeheuer sich die Wahrnehmungsfähigkeit steigert, wenn man denkt, das ist jetzt vielleicht dein letzter …, also wenn es nicht nur so eine Spiel ist. Sondern wenn man denkt: „Du gehst jetzt hier, als wäre das dein letzter Weg“. Und dann sieht man erst richtig, wie die Pflastersteine leuchten. Die hatten auch ganz andere Laternen in der Jordanstraße damals, um die Laternen herum war ein Lichthof wegen der Feuchtigkeit – das war auch Ende Oktober, 1974.“
aus:
http://faustkultur.de/175-0-Gespraech-mit-Peter-Kurzeck.html#.WHXYILGX-Rs

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2009. Handzettel zur Lesung von Peter Kurzeck

Der Autor hat Anfang der 80er auf der Jordanstraße gewohnt und erzählt, wie er seine Tochter von zu Hause in den Kinderladen ins Westend bringt. Dabei vergegenwärtigt er vieles, was man als Besucher der Kneipe kennt. In seinem am Anfang ungewöhnlichen Duktus, der es schafft einfühlsam Abstand zu halten und dem dabei kaum etwas entgeht, sieht man die Welt in ihren Partikeln hier ganz nah. Eine literarische Leistung, die man nicht hoch genug einschätzen kann. Für mich war die Lesung von Peter Kurzeck der kulturelle Höhepunkt in der Volkswirtschaft in den letzten 20 Jahren – ach was sage ich – in über 100 Jahren einer Wirtschaft hier in der Jordanstraße 13.

Hier geklickt, geht die Lesung in einem neuen Fenster auf der Jordanstraße bei 15.09 min los:

„Könnte ich noch ein paar Salzstangen bekommen?“

Geheimnis

20 Jahre voll mit Geschichten aus der Volkswirtschaft
Nr. 10: Geheimnisse der Kneipe

„Hallo. Ich bin neu hier. Ein kleines Bier bitte!“
„Du siehst doch, dass es voll ist. Es viel zu tun. Heute gibt es nur große Biere!“


Wird hier ein Geheimnis vorgetragen?
Kleine Hilfe: übersetzt ins Deutsche, aus dem Jahre 1990, es geht im weiten Sinn um Medikamente, die Autoren sind bis heute mit Mitte sechzig noch kreativ

Die Kneipe ist ein Platz der Worte. Nur wenige sitzen schweigend. Sie sind eine besondere Spezies unter den Gästen. Viel Alkohol macht den Besucher betrunken, was das normale Geschäft einer Kneipe ist. Dann werden die Worte oft zu Schwätzereien, Phrasen, seligen Monologen oder dümmlichen Witzen. Dann summte ich mir als Trost ein Manfred Krug-Lied vor. Noch in tiefen DDR-Zeiten sang er darin, dass er es nicht mehr ertragen könne, ihr (Ehe-)Mann zu sein, weil sie einen anderen liebt. Ich transformiere das Liebesleid in ein „Wort-Leid“, was ich nicht mehr ertragen kann, und verschwinde in die Küche.
Viele Worte verbergen viele Geheimnisse. Einmal in der Welt wabern sie wie Seifenblasen. Sie können zerplatzen, werden aber gleich wieder ersetzt. Dazu kommt, dass mancher hinter dem Tresen das reinste Plappermaul ist, beispielsweise ich.
Dennoch gibt es Geheimnisse, die unter dem Mantel der Verschwiegenheit erzählt wurden. Sie sind glücklicherweise selten so schrecklich, dass sie die Abgründe der Seele ausloten. Aber sie existieren. Viel öfters kündigen Geheimnisse frohe Botschaften an. Wenn es der ausdrückliche Wunsch des Gastes war, oder wenn das Taktgefühl es verbot, Bestimmtes weiterzutuscheln, dann wurde das Geheimnis, kaum war es ausgesprochen, stumm bewahrt.

Die internen Betriebsgeheimnisse bleiben unter Verschluss. Nur so viel sei erwähnt: Bei Streit, unterschiedlichsten Auffassungen und persönlichen Eitelkeiten haben wir es geschafft, uns zu einigen. Dies hinterließ selten Wunden und Brüche. Dennoch gibt es sie. Von heute auf die Jahre gesehen, erscheint mir alles grundsätzlich richtig entschieden worden zu sein, wenn auch einiges schwer war.

Was auf dem Klo vonstatten ging und geht, außer dem normalen Geschäft, weiß ich nicht. Wenn es zu lange dauerte, das normale Geschäft, dann habe ich nachgesehen und es immer geschafft zu helfen und vielleicht später ein wenig geputzt.

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2013. Ein Brief. Zum Glück war der Adressat verzogen.

„OK!“

Niko

20 Jahre voll mit Geschichten aus der Volkswirtschaft
Nr. 9: Niko

Ein Weizen vom Faß bitte: Liegt der Kicker irgendwo rum, Annabelle?

Natürlich mag ich den einen Gast mehr als den anderen. Natürlich fühle ich mich manchem, der seit Jahren in die Kneipe kommt, mehr verpflichtet, als dem Laufkunden.
Dennoch ist jeder Gast willkommen!

Niko, ein junger, großer, gutaussehender, sehr freundlicher junger Mann, kam eines Tages in die Kneipe. Er trank ein Weizen. Wir plauderten. Er schaute ab und zu rein, bald öfters und später regelmäßig.

Anfänglich bot die Kneipe ab 09.00 Uhr Frühstück und ab 12.00 Uhr Mittag an. Das Frühstück lief schlecht. Schnell beschränkten wir uns und machten später auf. Erst ab 11.00 Uhr, Jahre später ab 15.00 Uhr, dann ab 17.00 Uhr und heute ist wochentags ab 18.00 Uhr geöffnet
Der Mittagstisch war ein schwieriges Geschäft. Die Gäste kamen alle auf einmal, wollten schnell ihr Essen, um pünktlich wieder auf der Arbeit zu sein.

Die Universität war noch im gleichen Stadtteil. Anfang September 1998 fand dort der Historikertag statt. Und kurz nach 12.00 Uhr strömten 30 und mehr, zum Teil die Elite der Zunft, zur Tür der Kneipe. Alle wollten essen. Ich war alleine. Die volkswirtschaftliche Planwirtschaft – der Dienstplan – sah für die Mittagszeit nur eine Stelle vor, was normalerweise vollkommen langte. Es ist kein Problem, etwa 6 – 10 Portionen verschiedener Speisen auf einmal fertig zu machen. Das Essen war vorbereitet und musste nur serviert werden. Allerdings warteten weit mehr als 30 hungrige Gäste. Ich rannte wie ein Derwisch zwischen Küche und Gastraum und war nicht mehr Herr der Lage. Niko erkannte die Situation und fragte – damals kannten wir uns noch nicht all zu lange -, ob er helfen könnte. Ich überlegte kurz. Unsere Deckelsammlung über noch nicht bezahlte, aber bereits getrunkene Getränke, resultierte u.a. daher, dass wir zwischen Freundschaftsdienst, Hilfe bei Not und verabredeten Arbeitsleistungen nicht ordentlich unterschieden hatten. Bei Niko wiederum hatte ich keinen Zweifel. Ich war in Not. Er bemerkte es. Er bot Unterstützung. Ich nahm seine Hilfe dankbar an. Niko zapfte Biere, gab Wasser heraus, machte Kaffee und hatte alles im Griff. Ich konnte inzwischen die Essen zubereiten und zu den Tischen bringen. Nach einer Stunde war alles vorbei. Niko wollte nicht einmal ein Getränk für seine Hilfsbereitschaft aufs Haus bekommen. Für ihn war es eine Selbstverständlichkeit. Seitdem war und ist Niko, und ich spreche da nicht nur für mich, ein ganz besonderer Gast.

Die Fotos von Sven Bratulic gemacht, sind aus dem Jahre 2006. Die Eintracht spielte auswärts gegen den BVB und hat nicht verloren, so meine Erinnerung. Wer Niko ist, erkennt man. Oder?

Hatte ich jetzt drei oder vier? Ach. Eins geht noch!

Partei

20 Jahre voll mit Geschichten aus der Volkswirtschaft
Nr. 8: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der SPD

„Vier Pfeffi und vier Mexicana bitte, Esther!“

Viele unserer Gäste stehen politisch im linken Spektrum. Für diese ist die SPD schon lange ihren revolutionären Wurzeln entflohen und Handlanger des Kapitals. Von den Grünen ganz zu schweigen.
Mindestens genauso viele finden sich politisch in den parlamentarisch agierenden Parteien wieder.

In der Kneipe wird politisch gestritten. Darüber bin ich froh. Ich finde, dies gehört zu einer guten Kneipe. Die Vowi ist offen für verschiedene Meinungen. Nur sehr wenige stehen abseits und weniger als eine Handvoll haben extreme Positionen. Diese wurden und werden mit viel Gleichmut akzeptiert. Dennoch gibt es Grenzen. Ohne näher ins Detail gehen zu wollen, gab es zwei erinnerungswürdige Szenen bzw. Diskussionen, wo diese Grenzen mir aufgezeichnet wurden. Und erst dadurch erkannte ich, dass man selbst in einer verfassungspatriotischen Kneipendemokratie nicht alles aus der Perspektive des Grenzgängers der Demokratie verstehen bzw. verteidigen muß.

Es gibt Grenzen, aber die Vowi hält vieles aus und ist gerne bereit, politischen Kredit zu wagen.

Die Troika auf dem Foto zeigt von rechts aus gesehen zwei alt gediente SPD-Mitglieder, die ehemalige und zeitlose Stammgäste sind und ganz links befindet sich mein Vorschlag für die nächste Kanzlerin.

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2004. Die heimliche Chefin der Vowi, der zukünftige Präsident der Eintracht und der Pate von Bockenheim

Zur Bundestagswahl 2005 gab es eine Veranstaltung in der Kneipe. Ich fand außer für die FDP jeweils einen Gast, der erklärte, warum er die SPD, damals die WASG und die CDU wählen wollte. Anschließend wurde darüber diskutiert. Im September 2017 zur nächsten Bundestagswahl soll es eine Wiederholung geben.

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2005. Der Flyer zur Bundestagswahl-Diskussion in der Kneipe. Eine sehr gelungene Veranstaltung

Nicht vergessen habe ich einen Tag, wo es weit nach Mitternacht plötzlich voll wurde. Nach einer Blockupy-Demo kehrte eine kunterbunte Mischung aus Altlinken, Antifas und sonstigen kritischen Geistern ein. Vor der Kneipe bewachten uns mehrere Polizeiautos. Ich hatte keine Zeit nachzufragen, wie der Tag verlaufen war, denn zuerst kommen die Getränke und danach das Essen dran. Später fand ich Zeit, mit einigen Gästen zu reden. In vielem waren wir uns einig. Nur, wie man die Forderungen durchsetzt oder sich mindestens Gehör verschafft, darin ergab sich kein Konsens. Ich verwies etwas altväterlich auf meine gewaltfreien Erfahrungen in Leipzig im Herbst 1989. Leider punktete ich nicht wirklich damit. Trotz der vielen Durcheinander gab es keine Probleme. Wie so oft, konnte ich mich über die Gäste der Kneipe nicht beklagen. Später fragte die Polizei, wann ich denn schließen würde. Wahrscheinlich waren sie müde und nicht aus Frankfurt, sonst hätten sie gewusst, dass es schon lange keine Sperrstunde mehr gab. Nur eine sogenannte Besenstunde wird gefordert, wenn man 24 Stunden offen hat. Man muß den Laden für eine Stunde schließen, um zu putzen. Dann kann man wieder öffnen. Ich hatte nichts dergleichen vor. Die Gäste der Kneipe ebenfalls nicht. Und so gingen alle, aber sehr spät, nach Hause.

Anfang 2016 diskutierten der jetzige Planungsdezernent Mike Josef, der Geograph Christoph Siegl und unsere Nadja als Moderatorin von der FR über die Veränderungen (Mieten, Wohnungen, Veränderung der Bevölkerung, Veränderung durch den Uni-Wegzug) in unserem Stadtteil Bockenheim. Es gab reges Interesse und diverse Diskussion. Ich würde mir so etwas öfters wünschen. Allerdings wurde ich ständig gefragt, ob wir jetzt eine SPD-Kneipe wären, denn auf dem Plakat stand, dass die Veranstaltung in Kooperation mit der SPD Bockenheim stattfand.

Um es klar zu stellen: Die „Volkswirtschaft“ ist eine Kneipe für alle. Um politisch diskutieren zu können, brauchen wir eine gemeinschaftliche Basis. Der politische Dissens ist dann kein Problem. Wenn also diese Basis der Patriotismus auf unsere Verfassung ist, bin ich sogar bereit, mir beispielsweise Verschwörungstheorien anzuhören, solange sie nicht antisemitisch, faschistisch, rechtsradikal und antidemokratisch sind. „Mehr Demokratie wagen“ ist das Sonnenöl, mit dem ich mich unter den politischen Gestirnen schütze.

Die SPD Bockenheim entwarf das Plakat. An den Druckkosten beteiligte sich die Kneipe. Die Idee zur Veranstaltung stammte, glaube ich, von mir. Bei Mike Josef hatte unser Gast Jan angefragt, wobei Mike hin und wieder selbst in der Kneipe ist. Ich bin übrigens nicht in der SPD und habe nur zur Bundestagswahl 1990 meinem örtlichen Direktkandidaten der SPD eine Stimme gegeben und Oskar Lafontaine in der Festhalle zugejubelt. Dies war ein Fehler im nachhinein, aber das ist eine andere Geschichte.

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2016. Das Plakat zur Veranstaltung machte uns zur SPD-Kneipe.

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2016. Aber nicht alles hält ewig.

„Noch mal das Gleiche. Besser ist besser!“

Wunder

20 Jahre voll mit Geschichten aus der Volkswirtschaft
Nr. 7: Wenn ich mich nicht mehr wundere, höre ich auf!

„Tag! Du bist weder Vera noch Karsten. Egal. Ich hätte gerne ein Kristall mit Sprite – eine Pauli oder Olaf-Schorle. Wie desinfiziert Ihr eigentlich so Sachen, die nicht passieren sollten?“

1999 schrieb ich folgendes ins Tagebuch:
Der Tresen ist ja eine Art Grenze, wo dahinter Bier gezapft, was dann davor getrunken und bezahlt wird. (Wenn diese Grenze verwischt, funktioniert das ganze System nicht mehr.) Daneben ist der Tresen eine Tribüne, um sich zu unterhalten, zu beschimpfen, Karten für den Ur-Faust anzubieten, einfach nur zu lesen, rumzubrüllen oder „Schnellfreundschaften“ zu schließen … Manchmal wird diese Tribüne zur Speakers Corner, wo einer oder eine ohne Punkt und Komma redet und redet und redet und dazu noch zu jedem Thema. Mich erinnert das immer am meinen vierjährigen Sohn, der auch immer versucht alle Gedanken sofort in Worte zu fassen. Was will ich damit sagen: Wenn ich mich nicht mehr über all das wundere, höre ich auf.

Ein Grund zum Wundern:

2003. Kann doch mal runterrutschen und dann hat man sie vergessen.

2003. Sie kann doch mal runterrutschen und dann vergisst man sie.

Ich kann dazu nicht mehr sagen, als dass die Unterhose am Ende der Schicht vor dem Tresen lag.
Ich weiß nicht wie sie dort hingelangt ist. Ich habe niemanden gesehen, der sich ausgezogen hat.

 

Mehr Horror als Wunder:

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2017. Puppe mit Gast.

„Ich nehme noch ein Kristall. Aber diesmal mit Sagrotan!“

Jurte

20 Jahre voll Geschichten aus der Volkswirtschaft
Nr. 6: Hoch hängende Trauben oder eine Jurte im Nordend

„Hast Du eigentlich Ayran? Dann nehme ich eine Heiße Milch. Gibt es nicht! Dann einen Roibuschtee.
Danke Vera!“

Um den 11.September 2001 eröffnete ein zweiter Laden der Kneipe im Nordend, „Ulan Bator“, nach der Hauptstadt der Mongolei benannt.

Logo entworfen von meinem Freund Jörg Stein

2001. Logo entworfen von meinem Freund Jörg Stein

Die Stadt wird als hässlich beschrieben. Das war nicht wichtig. Für mich klangen die beiden Worte gut und sie imaginierten nichts von der „Volkswirtschaft“. Das „Ulan Bator“ sollte einen anderen Sound bekommen. Heute ist dort der Zweitladen vom „Feinstaub“ mit Namen „Tiefengrund“.
Es war ein schöner Laden, der, wie gesagt, ganz anders als die Kneipe war. Wieder hatten meine Frau Claudia und mein Freund Jörg Stein maßgeblichen Anteil an der Optik. Kein Fußball, kein Gelsenkirchener Barock. Die Wandfarben, die Bilder, die Bänke, Stühle und Tische gaben den arg verwinkelten, aber zusammenhängenden Räumen eine gewisse Eleganz und Lässigkeit. Es war cool und trotzdem gemütlich.

2001. Entwurf und Idee das Ulan Bator.

2001. Erste Versuche.

Leider habe ich nur ein Foto. Dieses gibt den wirklichen Eindruck nur unvollständig wieder.

2001. Leider habe ich nur ein Foto. Dieses gibt den wirklichen Eindruck nur unvollständig wieder.

2001. Ein mongolische Flyer.

2001. Ein mongolischer Flyer.

Ulan Bator-Programm 11/2001
Ulan Bator-Programm 12/2001
Ulan Bator-Programm 01/2002
Ulan Bator-Programm 02/2002
Ulan Bator-Ende

Wir versuchten Cocktails zu mixen. DJs legten Goa auf. Später erkläre mir Sven Veith mal in der Vowi bei Bier und Gref-Völsings, was Goa eigentlich ist und wie geil es sei, den Sonnenaufgang vor tausenden Menschen auf Ibiza in seiner Funktion als DJ zu erleben. Ich erlebte mein Waterloo in vielen kleinen Scharmützeln. Die Verluste häuften sich. Ich konnte sie nicht verhindern, musste für sie einstehen bzw. sie verantworten. Mit dem finanziellen Grundkonzept, mit dem Vermieter, mit den Anwohnern, mit der schwierigen Zeit und ausschlaggebend untereinander gab es Ärger. Nach wenigen Wochen war Schluss. Was übrig blieb, war nicht vorhandenes Geld und dass Fopper und Nina die Kneipe gütlich verließen. Vera und ich blieben zurück und das Wissen, wie man es beim nächsten Mal besser machen kann.

„Tschüß. Sag Che einen lieben Gruß. Seine Darmstädter steigen in diesem Leben nicht mehr auf!“

Glaube

20 Jahre voll mit Geschichten aus der Volkswirtschaft
Nr. 5: Glaubensspiele

„Hallo Mike! Stimmt es, dass der Wittmann, na‘ von dem Weingut, eine hübsche Tochter hat? Ich nehme erst mal den Riesling vom Wittmann.“

Der Fußball im TV, neben den mitternächtlichen Gesprächen am Tresen, gibt den Takt der Kneipe vor. Er ist eine unerschöpfliche Quelle und ein Fixpunkt. Die aktuellen Spiele stehen im Mittelpunkt, wobei vergangene Siege wie Niederlagen allgegenwertig sind. Einige Gäste gelten als Experten. Sie können Ort, Datum, Aufstellung, Torfolge und besondere Begebenheiten eines Spieles aufsagen – vielmehr runterrasseln.
Immer gab es in der Kneipe Bundesligafußball, der über einen Bezahlsender (Premiere, Arena, Sky) am Anfang auf zwei TV-Geräten am Tresen und mittlerweile auf einer Leinwand über einen Beamer zu sehen ist.

1998. Kein Beamer. Alle schauten auf die beiden Fernseher am Tresen

1999. Kein Beamer. Alle schauten auf die beiden Fernseher am Tresen. Besonders 3. v. links Micha, Hannes u. Bärbel.

Der Fußball ist in der Mehrzahl der Spiele scheinbar eintönig und aus Eintracht-Sicht eine lange Reihe von zu vielen Niederlagen oder mäßigen Unentschieden. Allerdings gibt es, und dies weiß der erfahrene Fußballfan, immer die Möglichkeit des Sieges. Diese Hoffnung bewirkt, dass die Emotionen aufgestaut werden und bei Siegen in voller Wucht ihren Ausdruck finden.

1998: Kai und Anke, rechts ist Till. Ihr Fanklub feiert jedes Jahr in der Kneipe bis heute.

1999. Kai und Anke, rechts ist Till. Ihr Fanklub feiert jedes Jahr in der Kneipe bis heute.

1998. Ihre vier Kinder sind natürlich auch Eintracht-Fans.

1999. Ihre vier Kinder sind natürlich auch Eintracht-Fans.

1998. Martin (Hausi) und Eggo. Der eine wohnt mittlerweile in der City-West, der andere auf seine Yacht.

1999. Martin (Hausi) und Eggo. Der eine wohnt mittlerweile in der City-West, der andere auf seiner Yacht.

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1999. Umrahmt vom belustigten Joe und vom gelangweilten oder leicht angewiderten Boris gibt es den Bauchkuss.

Das Mitleiden und das Bejubeln ist das wahre Geschäft des Fans. Er leidet und jubelt, aber nur für seinen Verein, immer und ohne Unterlass. Nur selten wechselt er den Verein und wenn dies geschieht, hat er es schwer bei den anderen Fans. Ein geflügeltes Wort eines sehr ruhigen, aber nach einigen Litern Bier wortgewaltigen Fans lautet, dass man sich von der Frau trennen kann, von seinem Verein dagegen nie. Deshalb ist Fußball für viele in der Kneipe eine ernste Sache.

Ich werde seit dem Aufstieg von RB Leipzig immer wieder gefragt, ob ich mich darüber freue als Leipziger. Ich antworte: „Als dort Geborener und neutraler Fußballfan ja, als Eintracht-Fan und Pseudolinker nein.“
Wenn Dynamo Dresden erfolgreich spielt, werde ich auch gerne befragt, wie ich dies als „Denn du kommst doch von dort!“ finde. Ich antworte, dass ich aus Leipzig – das etwa 100 km von Dresden liegt- komme und mein Gegenüber sicher kein Kickers Offenbach-Fan ist, was ja noch näher an Frankfurt liegt, nur weil er im Rhein-Main-Gebiet geboren wurde.

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2012. Joni verkleidet als „engagierter“ Eintracht-Fan.

Mein Coming out als Fußballfan war die Siegesserie der Eintracht zum Ende der Saison 1998/99 inklusive Klassenerhalt.

In einem fast religiös anmutenden Taumel erlebte ich die Gäste der Vowi. Luther hätte seine Freude gehabt. Das Verhalten unserer Gäste entsprach durchaus seiner Theologie, die ich jetzt etwas dreist auf den Fußball sehr vereinfachend runterreiße:
Allein Jesus Christi Kreuzigung ermöglicht uns Menschen die Möglichkeit des Heils.
-Die Existenz der 1. Liga.-
Allein durch die Gnade Gottes, ohne unser Zutun, wird Erlösung vergeben.
-Der Gewinn der Meisterschaft.-
Allein durch Glauben können wir leben in der Hoffnung auf Erlösung.
-Fan von einer Mannschaft zu sein ohne aktives Zutun.-
Allein die Bibel dient als Quelle von Gott.
-Leben mit allen Schiedsrichterentscheidungen-
Diese bedingungslose Hingabe, Leidenschaft und Hoffnung im Glauben ohne die Sicherheit auf Erfolg (lutherisch übersetzt Erlösung durch Gott), diese „Feste Burg ist unser Gott“ (unser Glaube an die Eintracht) haben mich zum Fußball – und zum Fußballfan konvertieren lassen.

2016. Damals war ich noch jünger.

1977. Früher war ich jünger.

„Danke! Der Wein ist viel zu billig. Ich nehme noch einen.“

Planwirtschaft

20 Jahre voll mit Geschichten aus der Volkswirtschaft
Nr. 4: Planwirtschaft im Kapitalismus

„Hallo Steffi! Krieg ich noch ein kleines Bier und einen Ouzo? Ich weiß, du musst gleich zumachen wegen der Sperrstunde und hast keinen Bock mehr, weil so viel zu tun war. Ich mach schnell!“

In den ersten Monaten, als von 9.00 Uhr bis zur Sperrstunde nach Mitternacht geöffnet war, mussten viele helfende Hände da sein. Für fast alle Arbeiten gab es Listen und Vorgaben, die demokratisch diskutiert und umgesetzt wurden. Ich will ehrlich bleiben. Es wurde versucht, sie umzusetzen.

Ein ständiges Problem ist, bei voller Kneipe die Arbeit allein zu bewältigen. Man kann sofort einwerfen, dann arbeitet doch zu zweit. Wenn man wüsste, wann die Kneipe voll ist und wann nicht, wäre dies einfach zu lösen. Es ist immer, bis auf Fußballspiele der Eintracht, unserm Quiz, der Vowi-Cuisine und größeren Feiern, nicht vorhersagbar. Deshalb gab es diverse Versuche, dieser Situation Herr zu werden. Anhand der Aufzeichnungen im Übergabebuch von 1998 kann man sehen, dass es herbe Kritik an meiner allerdings kapitalistischen Planwirtschaft gab.

Fopper am 06.03.98

„Lectori Salutem, Karsten, momentan halten sich die Gäste nicht an Deine Planwirtschaft…was nun???“.

Fopper, wie immer sachlich und ruhig.

1998. Fopper, wie immer sachlich und ruhig.

Steffi am 17.03.98

Karsten, du Sau! Kaum warst Du weg, war der Laden voll! Ohne Nina + Sven wäre ich mit wehenden Fahnen untergegangen. Planwirtschaft funktioniert nicht. Gruß Steffi“.

Ich antwortete mit einem angelehnten Lenin-Zitat:

Arbeiten, arbeiten nochmals arbeiten!“.

Steffi direkt und etwas emotionaler. Ich appellierend.

1998. Steffi direkt und etwas emotionaler. Ich appellierend.

Dennoch haben wir es irgendwie immer geschafft. Danke Kollegen!

„Tschüß. den Deckel bezahl ich morgen!“

Deckel

20 Jahre voll mit Geschichten aus der Volkswirtschaft
Nr. 3: Deckel

„Gudde Wiebke! Ist Karsten in der Küche? Ich wollte was von meinem Deckel anzahlen. Ein Kristall ohne Zitrone bitte!“

Die Kneipe war eine Schnapsidee.
Eine handvoll Studenten wollten Wissenschaft betreiben. Dieses Verlangen sollte unabhängig von den dafür zuständigen Institutionen sein. Dafür benötigten wir Geld, um unser täglich Brot zu verdienen. Deshalb sollte eine Kneipe, am besten eine Musikkneipe, her. Die Musik fiel schnell aus dem Raster. Die Auflagen des Ordnungsamtes wegen der Lautstärke waren nicht in unserem Budget. Nach mehreren Objekten in Bockenheim -einige wollten wir nicht, „eines“ wollte uns nicht- war die Eckkneipe Jordan/Ecke Kiesstraße mit dem Namen „Campus“ das letzte Angebot. Wenn es nicht geklappt hätte, wäre ich jetzt vielleicht Freier Mitarbeiter beim Deutschlandfunk.
Wir (Fopper, Frank und ich) bekamen von der Binding Brauerei, die als Verpächter auftraten, den Zuschlag und gründeten die „Volkswirtschaft“ als Cafe, Restaurant und Kneipe. Die Idee die Kneipe „Volkswirtschaft“ zu nennen, kam von meiner Frau Claudia. Sie kannte in Dresden eine „Planwirtschaft“. Nur verwendeten wir den Eigennamen Volkswirtschaft getreu unserem Konzept nach als Wirtschaft für alle. Ein alter Schulkumpel aus Leipzig Jörg „Bongo“ Bock zeichnete für die erste Speisekarte das Titelbild. Seine Bilder hingen mehrmals in der Kneipe.

Der Flaschenöffner. Eher ein typisches DDR-Produkt.

1997. Titelbild der ersten Karte. Der Flaschenöffner. Eher ein typisches DDR-Produkt.

Mein Freund Jörg Stein gestaltete das Logo, alle T-Shirt-Schriftzüge, die erste Homepage 1999, Handzettel sowie den Bierdeckel und das Plakat für die 20-Jahres-Feier.

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2010. Entwurf T-Shirt-Schriftzug

Unsere helfende Hand Sven Bratulic hat von Beginn an die Kneipe und die Gäste fotografiert. Viele Fotos zu den 20 Geschichten auf der Kneipen-Homepage und bei Facebook sind von ihm. Ohne Claudia, Jörg und Sven wäre die ästhetische Darstellung der Kneipe so nicht möglich gewesen. Ihnen gehört größter Dank.
Unser jungfräulich begrenztes Wissen über eine Kneipenwirtschaft manifestierte sich nach etwa einem Jahr in der unten zu sehenden Auflistung von Deckeln wichtiger Gäste. (Auf einen Bierdeckel werden die nicht bezahlten Bestellungen eines Gastes notiert. Der Deckel verschwindet in der Schublade und wird nach Vereinbarung bezahlt.) Wir waren naiv und gutmütig. Wir mußten lernen, dass in einer Kneipe viel gefeiert und getrunken wird, wir aber nur die Organisatoren der Festlichkeiten waren. Unsere Aufgabe bestand darin, am Einlass zu stehen, den Ablauf zu kontrollieren und nach den Feiern die zerbrochenen Gläser wegzukehren. Nicht wir sollten mit den Gästen feierten, sondern wir ermöglichten es unseren Gästen. Irgendwann bemerkten wir, dass die Deckel immer größer wurden und wir zu viel mitfeierten. Es mußte sich etwas ändern. Wir versuchten die Deckel einzutreiben, limitierten seitdem die Summe eines Deckels. Danach war die erste Phase der „Volkswirtschaft“ beendet, was aber nicht bedeutete, dass weniger gesoffen wurde.

Was soll ich dazu sagen?

1998. Was soll ich dazu sagen?

„Komm gut nach Hause. Fahr vorsichtig!“