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FR- Artikel zum 20jährigen

„In der „Volkswirtschaft“ können Gäste seit 20 Jahren ein Bier trinken. Inhaber Karsten Maaß arbeitet die Geschichte seiner Kneipe auf, in insgesamt 20 Blogeinträgen.“

https://www.fr.de/frankfurt/kneipier-statt-student-11054205.html?itm_source=story_detail&itm_medium=interaction_bar&itm_campaign=share

Mechanik

20 Jahre voll mit Geschichten aus der Volkswirtschaft
Nr. 17: Wie funktioniert die Vowi?

„Gibt es Absinth, Armin?“

Die Schönheit der Kneipe liegt im Auge des Betrachters. Wenn ich manchen Gast tagsüber treffe, reibe ich mir innerlich verwundert die Augen. Dass dieser oder jener so alt aussieht, ist mir im Dämmerlicht der Kneipe nie aufgefallen. Umgedreht geht es den Gästen mit mir sicher ebenso.
Kleopatra, die letzte ägyptische Pharaonin vor knapp 2000 Jahren, galt weniger durch Schönheit, vielmehr durch die Art ihres Auftretens und wie sie sich in Szene setzte, gepaart mit höchst intelligenten Eigenschaften, als edelstes Beispiel größerer innerer statt äußerer Reize.

Man kann eine Kneipe wie Emile Zola in seinem vor etwa 150 Jahren erschienenen Roman „Der Totschläger“ beschreiben. Davon trifft vieles noch heute zu. Die Glückseligkeit, betrunken zu sein hat sich am wenigsten geändert. „Was ist der schönste Tod?“ Besser: „Wie stirbt man am Schönsten?“, fragt ein Witz. Die Antwortet lautet: „Besoffen vom Bierwagen überholt zu werden, sei am Schönsten.“
Und es wirkt nicht anachronistisch, wenn ich behaupte, dass man –sich- im Bockenheimer Bermuda-Dreieck bestehend aus „Dr. Flotte“, „Tannenbaum“ und „Volkswirtschaft“ ersaufen kann.

Die Stühle, viele Tische, manches jahrelanges Provisorium, die zu kleinen Sitzflächen der Bänke (meine Schuld), der leicht zu putzende, aber für die Akustik abträgliche Fliesenboden, das aus bisher unerklärlichen Gründen oft nicht gut riechende WC (wird gerade erforscht) ergeben ein Bild (harte Faktoren) der Kneipe.

Die Gäste, die Wirte, die Stimmung, die Bekanntschaften, die Diskussionen, das Essen und die alkoholhaltigen Getränke (kaum, welche Biermarke es ist) ergeben ein anderes Bild (weiche Faktoren) der Kneipe.

Für die meisten Gäste aber zählt das weiche Bild. Nichtsdestotrotz arbeiten wir an den harten Fakten.

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2016: Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert. Es kommt darauf zu zapfen.

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2016. War mechanisch schwierig, um spät, aber nicht zu spät in der Kneipe zu kommen..

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2003. Stabil.

Dann nehme ich einen Whiskey. Richtig torfig und phenolisch und einen Großen.“

Kochen

20 Jahre voll mit Geschichten aus der Volkswirtschaft
Nr. 16: Vowi-Cuisine

„Was ist der Unterschied zwischen den beiden Büble-Bieren, Karsten?“
Kopfschütteln
„Das Edelbräu hat mehr Alkohol und ist pilsartiger als das Helle.“

Der Gastraum der Kneipe ist knapp 50 Quadratmeter. Die Küche ist 16 Quadratmeter. Im Verhältnis gesehen, trägt sie zum Umsatz nicht viel bei. Küche in der Gastronomie rechnet sich nur, wenn die Stückzahl groß oder es hochpreisig ist.

 

Schon Ende der 90er im vorigen Jahrhundert hatte Moni, die Mutter unserer Exkollegin Nina, in der Kneipe ein Menü zubereitet. Hin und wieder stellten wir ein Buffet zusammen und kochten auch für 20 bis 30 Gäste ein kleines Menü. Aber von einer Vollauslastung der Kneipenküche konnte bis zum ersten Menü von Fabrice 2014 keine Rede sein. Es war ein Wink des Schicksals, auf dass ich heimlich gewartet hatte. Fabrice änderte seine berufliche Karriere als Koch und hatte somit Muße und Zeit, in der Kneipe ein Menü anzubieten. Ursprünglich sollten Volko, ein befreundeter Gast, der in der Stahlburg und im Heck-Meck kocht, gemeinsam mit Fabrice einmalig etwas zubereiten. Es kam anders. Bis jetzt haben Fabrice und sein getreuer Erster Assistent, unser Joao, mehr als siebzehn Menüs entworfen und zubereitet. Die Nachfrage ist immens.

Fabrice besitzt die Fähigkeit, die Gerichte mittels seines feinmechanischen Wissens zu ersinnen. Wie eine Spinne webt er eine Netz, auf dem die Ideen umgesetzt werden. Uns, die kleinen Spinnen, lässt er manchmal verwirrt zurück. Wir müssen erst lernen und fürchten uns ein wenig ,etwas falsch zu machen, denn während der Aufführung sollte kein Fehler passieren. Für mich aber ist es gerade das Schöne, wenn Fehler passieren, denn dann ist es wirklich spannend zu sehen, wie mit den Fehlern umgegangen wird.

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2016. Die Sprache der Menüs ist Fabrisisch.

Es ist beeindruckend zu beobachten, wie Fabrice und Joao das Menü planen, dann Fabrice die Reihenfolge des Kochens organisiert und natürlich wie gekocht wird. Seine Leidenschaft, seine geradezu groovischen Bewegungen, wenn er den Jus (die Vor-Soße) rührt, wie er schneidet, wie er abschmeckt und dabei ganz unprätentiös das Ergebnis beschreibt und wie er schließlich darauf achtet, wie das Essen auf den Tellern präsentiert wird, ist eine Geschichte für sich, die ich demnächst zur hoffentlich im Jahr 2017 stattfindenden 20. Vowi-Cuisine noch ausführlicher erzählen werde. Fabrice ist ein Glücksfall für die Kneipe!

2017. Einkaufsliste der 17. VC

2017. Einkaufsliste der 17. Cuisine, z.T. auf Fabrisisch

Für eine Geschichte nur, die seinen Anspruch beschreibt, sei hier Platz.
Zum Hauptgang bei einer der letzten Menüs gab es Extrasoße in Saucieren. Diese standen auf Tellern, die mit einer Serviette unterlegt waren. Nachdem die Saucieren leer waren, sollten sie auf Wunsch neu befüllt werden. Ich brachte sie in die Küche. Fabrice, der schon längst am nächsten Gang arbeitete, sah mit einem Blick die Situation. Er nahm die alte Serviette zwischen den aufgefüllten Saucieren und Tellern weg und meinte: „Karsten leg doch eine neue Serviette unter die Saucier auf den Teller, wenn Du sie wieder rausbringst. Wir wollen doch oben mitspielen und nicht in der Regionalliga!“

„Ich nehme noch eins, wenn es geht ein warmes!“

 

Verwandtschaft

20 Jahre voll mit Geschichten aus der Volkswirtschaft
Nr. 15: Verwandtschaft

„Hallo Karsten. Dein Rotwein gestern, mit dem stimmt was nicht. Ich habe die ganze Nacht schlecht geschlafen.“
„Das war der gleiche Rotwein, den Du immer trinkst. Vielleicht nur zu viel.“

Eine Frau kommt in die Kneipe und bestellt fünf Getränke. Das kann vorkommen. Die restlichen vier Begleiter stehen vielleicht vor der Tür, um fertig zu rauchen.
Die fünf bestellten dunklen Krusovice werden gezapft und zum Tisch gebracht. Nach zehn Minuten sitzt sie immer noch alleine da. Auf meine Frage, warum sie fünf statt einem geordert hat, antwortet sie, sie trinke mit ihrem verstorbenen Vater, Ehemann, Bruder und Cousin ein Bier und stoße mit ihnen an. Prost!

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2013. Bier und Blut sind gleich dick..

„Hab ich schon bezahlt?“
„Vor einer Minute.“

Raten

20 Jahre voll mit Geschichten aus der Volkswirtschaft
Nr. 14: Quiz

„Beate, warum haben wir immer beim Quiz zu wenig Platz und müssen an dem Tisch sitzen? Wir nehmen dann erst mal einen Kamillen- und Rooibuschtee!“

Das Quiz in der Kneipe ist eine Institution.
Die Fragen sind vielfältig, anspruchsvoll, ausgewogen, spleenig, witzig, geist- und lehrreich. Von deren Qualität überzeugt, ist für uns die Nachfrage zum Quiz das entscheidendes Merkmal. Diese übersteigt regelmäßig unsere Kapazität. Um der Nachfrage Herr zu werden, soll die Anmeldung über unsere Kneipen-App erfolgen.
iTunes-Store:
Vowi App (iOS)
Google Play:
Vowi App (Android)
In einem komplizierten Auswahlverfahren organisiert Beate in Absprache die Teilnahme.
Die Qualität des Quiz hängt von ihren Machern Aleks und Tonio ab. Ohne die beiden würde es das Quiz nicht geben. Nachdem Aleks nach Hamburg verzogen und Vater geworden ist, hat Tonio die alleinige Verfügungsgewalt. Jahraus jahrein, Monat für Monat ohne Unterbrechung in einer bemerkenswerten Kontinuität meisterten Aleks und Tonio und jetzt Tonio allein die Fragerunden.

Selbstportrait von Sven Bratulic unseren Fotografen als InTeam-Mitglied

Selbstportrait von Sven Bratulic unseren Fotografen als InTeam-Mitglied

Anstatt über das Quiz erzählen, will ich berichten, wie ich Aleks und Tonio kennengelernt habe. Eigentlich sind es drei Freunde, die eines Tages am Tresen der Kneipe saßen. Neben den beiden genannten gehört Flo dazu. Die drei hätten unterschiedlicher nicht sein können. Sie unterstrichen ihre Unterschiedlichkeit so sehr, dass sie sich, mathematisch gesehen, hätten ausschließen müssen. Vielleicht erinnerte ihr Auftreten an das Schauspieler-Duo Walter Matthau und Jack Lemmon. Es wurde ständig diskutiert, man schenkte sich nichts, war entsetzt über den anderen, sah miesepetrig drein und lag sich später doch wieder in den Armen. Thematisch konnte es um pikante Jugendsünden mit codierten Spitznamen, Möglichkeiten und Fachbegriffe von Schamhaarrasuren, um ausgefallene Taschenmesser, um den Fußballverein VfB „Uttgadt“, um das Potential von 3D-Druckern, über die Sous-vide-Garmethode gehen. Eigentlich existierte kein Thema, zu dem es keine Meinung gab. Am ersten Abend kulminierte des gegenseitige Gehacke aufeinander in der Idee, dass der eine den andern ins Bett sch… würde, wenn er das nicht zurücknehme oder jenes nicht sofort unterlasse. Das war bierernst gemeint im wirklichen Sinn des Wortes. Tonio wiederum saß zwischen den beiden Streithähnen und lächelte, griff kleinstteilig ein und strahlte Gelassenheit aus: eine Ruhe der Erkenntnis unter der Pappelfeige hier in der Kneipe.
Im Zusammenhang mit Schamhaarrasur möchte ich anmerken, dass die drei in der Lage sind, über Sexualität zu sprechen, ohne dass es wie beim Urologen oder wie ein Porno klingt. Ein Vermögen, was nur wenige besitzen. Unsere ehemalige helfende Hand Jürgen hat die gleiche Fähigkeit.

Tonio und Aleks und ein wenig auch Flo ist ein Denkmal für das Quiz, gewiss. Dank ist zu wenig. Ich verbeuge mich in Verehrung!

 

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2012. Flo u. Aleks…

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verrückte Reise…

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durch die Vowi.

„Gibt es auch Heiße Milch?“

Austausch

20 Jahre voll mit Geschichten aus der Volkswirtschaft
Nr. 13: Austausch mit und ohne Worte

„Ein Pils aus einem trockenen Glas oder wie der Spanier sagt: Eine Vase Servietten!“

Die Kneipe war und ist Schauplatz von Beziehungsdramen. Manche Ehe bzw. Beziehung hat die Vowi gestiftet. Darauf können wir ein wenig stolz sein. Einiges ging hier wiederum emotional zu Bruch. Immer wieder fungiert man hinterm Tresen als Seelentröster oder als sauberes Taschentuch, was den Liebeskummer kanalisiert. Hin und wieder versuchte ich zu lindern oder einfach nur Mut zuzusprechen. Nicht selten höre ich bloß zu, denn Liebeskummer ist ein Kummer mit sich selbst, vielmehr über sich. Man wird plötzlich verlassen oder hat soviel Mist verzapft, dass man mit Ansage verlassen wird. Man wird nicht von seiner Angebeteten erwählt oder findet nie diese eine. Der Lebenssinn geht stiften. Man fühlt sich mit sich selbst allein. Es bleibt die Seligkeit des Bieres und einer, dem man das alles erzählen kann. Mir.

In einem eigenwilligen Intermezzo zweier Gäste musste der jeweils unterlegene bei einem Spiel etwas ausziehen. Als schließlich einer den Gürtel seiner Hose mit todernster Miene zog, wollte ich eingreifen. Beide saßen sich wie zwei schießwütige Cowboys gegenüber. Mehr wollten sie wohl nicht. Das Spiel war zu Ende.

Wildes penetrantes Geknutsche ist vorgekommen, was nicht störte. Anstrengender war eine Art Petting, was ein Pärchen immer wieder in der vollen Kneipe vollzog. Zu viel Intimität kann befremdend und abstoßend wirken. Nach dem wiederholten Auftreten des Pärchens war ich kurz davor, sie anzusprechen und zu bitten sich für ihr intimes Vorspiel einen anderen Ort zu wählen. Als ob sie es gewusst hätten, tauchten sie nicht mehr auf.

Sex auf dem WC soll es gegeben haben. Ich war nicht dabei. Die Indizien sprechen dafür.

Aus gut unterrichteten Kreisen weiß ich, dass man hinter dem Tresen eindeutige Angebote zum Sex bekommen kann. Wenige hielten dem stand. Es gab mindestens einen, der aus jugendlichem Übermut seiner Leidenschaft kein Hausverbot gab und das Angebot annahm.

Einige Gäste haben, gerne am vollbesetzten Tresen, keine Scheu, über ihre Sexualität zu sprechen oder darüberhinaus, sie zu zeigen.
Manche tun es aus Spaß. Bei anderen wiederum fehlt ein Scham- und Distanzgefühl. Sie erinnern an Kinder.

Diesen Zettel mit wegretuschiertem Namen fand ich vor etlichen Jahren nach Mitternacht beim Aufräumen. Was daraus geworden ist, weiß ich nicht.

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Um 2010.

„Der Wirt kriegt kein Trinkgeld.“

Hamburg

20 Jahre voll mit Geschichten aus der Volkswirtschaft
Nr. 12: Hamburg

„Heb mir ein Astra auf, Vera. Ich trinke es nach dem ersten Tor!“

Als Hans-Jochen Vogel seine Memoiren geschrieben hatte, wollte er sie unter dem Titel „Klarsichhülle“ veröffentlichen, wird kolportiert. „Klarsichthülle“ war sein Spitzname. Daten und Fakten im Einzelnen bzw. Ordnung im Politischen symbolisierten für den ehemaligen Kanzlerkandidaten der SPD die Klarsichthülle (besser die Liste in der Klarsichthülle). Ich kann diese Leidenschaft verstehen. Listen mit Notizen pflasterten meinen Weg. Sie sind die Meilensteine und Kreuzungen meines Lebens.

Die in der Kneipe gefundene Liste von unserem Gast Don Elmo ist eine schöne Liste, nicht nur wegen seiner schmeichelnden  Schrift. Sie könnte als biografische Quelle dienen. Entscheidende Punkte seines Lebens werden benannt, als er, bedingt durch seine Arbeit, von Deutschland nach Mexiko zog. Anhand der Liste ließe sich mit etwas Phantasie und Dichtung Folgendes über Don Elmo schreiben:
Seine schöne Schrift, die Feingeist gepaart mit Ordnungsinn veriet, stand im Wiederspruch zur Körperfülle. Immer hatte er eine Tüte Gummibärchen griffbereit, die er gerne reihum gehen ließ. Es sollte allen gut gehen. Sein Hang zum bierseligen Gelage in Eckkneipen war ausgeprägt. Aber er trank immer mit Sinn und Verstand. Seine Leidenschaft zu Golf, Tennis, wie zu teureren Uhren, waren kein Geheimnis. Ihm machte es nichts aus, auf den linken Fußballverein St. Pauli zu halten und gleichzeitig dem umgedrehten Diktum Franz Josef Strauß‘, dass links neben der SPD der Abgrund sei, zu glauben. Und jetzt Mexiko…

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2010. Eine Liste gefunden am Tresen.

Don Elmo ist Fan der Fußballmannschaft von St. Pauli aus Hamburg. Eine Weile hat die Kneipe die Spiele des Vereins gezeigt. Zwei andere norddeutsche Gäste sind bzw. waren St. Pauli-Fans.

Der eine ist in meinen Augen der Gast, der mit seinem Lebensentwurf ein Alleinstellungsmerkmal besitzt. Bei ihm stehen Anschauungen nahtlos nebeneinander, die im Leben der meisten anderen nicht existieren. Als ob er zwischen mehreren Sprachen in einem Satz wechselt, aber dies als eine Sprache ausgibt, die klar und verständlich ist. Ich habe in 20 Jahren keinen Vergleichbaren kennengelernt.
Längst nicht alle schätzen seine Art. Für einige ist er ein bunter Vogel. Andere sehen ihn weit kritischer und wundern sich, dass ich seine Geschichten, so seltsam sie auch seien mögen, verteidigte im Glauben, ihn verstanden zu haben. Allerdings häuften sich bei ihm politische Plattitüden, Voreingenommenheiten und Vorurteile vor allem nach zu viel Alkohol. Es brauchte die Vernunft und Klarsicht eines anderen weitaus jüngeren Besuchers, der mich damit konfrontierte. Er stellte mich, nach einer für meinen Gast typischen unverbesserlichen Aktion in der Kneipe, vor die Wahl. Entweder geht er oder der andere. Ein Gespräch lehnte mein exzentrischer Gast ab. Seitdem ist er nur noch selten in der Kneipe anzutreffen.

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2006. Fussball-WM.

 

Der andere bedeutende St. Pauli-Fan und Gast war Olaf. Er ist 2013 verstorben. Sein plötzlicher Tod war ein Schock. Durch die jahrelange stille Präsenz hinterlässt sein Wegbleiben ein Verlust, der die Zeitlosigkeit der Eckkneipe gegenzeichnet. Das ist denen, die jahrelang mit ihm vor dem Tresen standen, schmerzlich bewusst. Seine ruhige, letztendlich verschlossene Art, die sich hin und wieder bei St. Pauli-Spielen in hysterischem Gelächter äußerte, fehlen. Die Zusammenkunft nach seinem Tod in der Kneipe war für die Anwesenden gut, um sich dem Unfassbaren seines Todes gemeinsam zu stellen. Olaf, so vermute ich, hätte über so viel Anteilnahme ein wenig gegrinst, eine geraucht und nach dem nächsten St. Pauli-Spiel gefragt. Ein Kristall-Weizen mit einem Schuss Sprite ist nach ihm benannt: Die Pauli- oder Olafschorle.

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2013. Olaf.

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Das Foto hängt seit der Trauerfeier 2013, angebracht von Fabrice, auf der Rückseite des Straßenschildes vor der Kneipe. Olaf umgeben von Fabrice und FF, aufgenommen 2010.

Hamburg ist ein gewisser Bezugspunkt. Wie beschrieben kamen viele sehr interessante Gäste aus Hamburg und Umgebung. Einige zogen dahin bzw. zurück. Die Idee der beiden selbst gemachten Schnäpse (Saurer und Mexicana), die Vera in die Kneipe brachte, kommt aus Hamburg.

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2016. Mexicana

„Ich dreh‘ durch. Die machen nichts, kriegen keinen Pass hin, und vor dem Tor haben sie die Hosen voll. Gib mir das Astra, aber ich rauch‘ erstmal eine!“

Zeit

20 Jahre voll mit Geschichten aus der Volkswirtschaft
Nr. 11: Zeit

„Hallo Vera, ich würde noch einen Kleinen Apfelwein nehmen und vielleicht könnte ich ein Gedicht vortragen.“

In allen hier geschriebenen Geschichten versuche ich die Zeit festzuhalten. Sie soll nicht verloren gehen. Damit meine ich nicht die Patina einer Eckkneipe.

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1999. Rechts neben dem Eingang.

Im übertragenen Sinn wird starr auf die Vergangenheit geschaut: Es war so, es ist so, es wird immer so sein. Der Welt in ihren Teilen ganz nah zu sein ermöglicht die erzählte Zeit. Wenn sie in Wörter gesetzt, einfühlsam Abstand haltend und dabei nichts außer acht lassend erzählt wird.
Einfacher ausgedrückt, bedeutet dies, dass Geschichten erzählt werden, um sich zu erinnern.
Vermittelt durch unseren Gast Alexander las der Autor Peter Kurzeck 2009 in der Kneipe. Zuerst erzählte Peter Kurzeck in seinem leisen nordhessischen Dialekt, über das Leben in der Jordanstraße aus dem Gedächtnis. Was wie eine nette Plauderei klingt, wird zu einem stetigen Strom der Erinnerung. Später las er aus seinem neusten Roman „Oktober oder wer wir selbst sind“.

Kurzeck über seinen ersten Gang auf der Jordanstraße:
„Ich habe die Jordanstraße, lange bevor wir dahin zogen, kennen gelernt, und zwar im Zusammenhang mit diesen RAF-Geschichten in den 70er Jahren…
Wir haben uns an der Jordanstraße getrennt…Dann bin ich in der Jordanstraße in eine Kneipe, das „Narrenschiff”, gegangen, die es heute nicht mehr gibt. Wir hatten uns folgendermaßen verabredet: Er sagte: „Da vorne bei der Gräfstraße, wo die Jordanstraße aufhört, und es weiter zum Campus geht, da wollen wir uns in einem Café treffen“. Es war vielleicht acht oder auch etwas später. Ich habe also im „Narrenschiff“ gewartet und als ich wieder raus kam, inzwischen war es ganz dunkel und das Pflaster von der Jordanstraße glänzte, und diese schönen Fabrikhallen standen noch da, die so spukhaft aussahen, weil sie die Backsteine weiß angestrichen hatten, und daneben standen diese riesigen alten Häuser, die aussahen wie Prager Häuser und fast durchsichtig waren, weil der Verputz einfach völlig verblichen war; auf dieser damaligen Jordanstraße stand ich nun. Ich bin dann die Straße langsam hinaufgelaufen, zu dem Café…als ich die Jordanstraße hinaufging und merkte, wie ungeheuer sich die Wahrnehmungsfähigkeit steigert, wenn man denkt, das ist jetzt vielleicht dein letzter …, also wenn es nicht nur so eine Spiel ist. Sondern wenn man denkt: „Du gehst jetzt hier, als wäre das dein letzter Weg“. Und dann sieht man erst richtig, wie die Pflastersteine leuchten. Die hatten auch ganz andere Laternen in der Jordanstraße damals, um die Laternen herum war ein Lichthof wegen der Feuchtigkeit – das war auch Ende Oktober, 1974.“
aus:
http://faustkultur.de/175-0-Gespraech-mit-Peter-Kurzeck.html#.WHXYILGX-Rs

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2009. Handzettel zur Lesung von Peter Kurzeck

Der Autor hat Anfang der 80er auf der Jordanstraße gewohnt und erzählt, wie er seine Tochter von zu Hause in den Kinderladen ins Westend bringt. Dabei vergegenwärtigt er vieles, was man als Besucher der Kneipe kennt. In seinem am Anfang ungewöhnlichen Duktus, der es schafft einfühlsam Abstand zu halten und dem dabei kaum etwas entgeht, sieht man die Welt in ihren Partikeln hier ganz nah. Eine literarische Leistung, die man nicht hoch genug einschätzen kann. Für mich war die Lesung von Peter Kurzeck der kulturelle Höhepunkt in der Volkswirtschaft in den letzten 20 Jahren – ach was sage ich – in über 100 Jahren einer Wirtschaft hier in der Jordanstraße 13.

Hier geklickt, geht die Lesung in einem neuen Fenster auf der Jordanstraße bei 15.09 min los:

„Könnte ich noch ein paar Salzstangen bekommen?“

Geheimnis

20 Jahre voll mit Geschichten aus der Volkswirtschaft
Nr. 10: Geheimnisse der Kneipe

„Hallo. Ich bin neu hier. Ein kleines Bier bitte!“
„Du siehst doch, dass es voll ist. Es viel zu tun. Heute gibt es nur große Biere!“


Wird hier ein Geheimnis vorgetragen?
Kleine Hilfe: übersetzt ins Deutsche, aus dem Jahre 1990, es geht im weiten Sinn um Medikamente, die Autoren sind bis heute mit Mitte sechzig noch kreativ

Die Kneipe ist ein Platz der Worte. Nur wenige sitzen schweigend. Sie sind eine besondere Spezies unter den Gästen. Viel Alkohol macht den Besucher betrunken, was das normale Geschäft einer Kneipe ist. Dann werden die Worte oft zu Schwätzereien, Phrasen, seligen Monologen oder dümmlichen Witzen. Dann summte ich mir als Trost ein Manfred Krug-Lied vor. Noch in tiefen DDR-Zeiten sang er darin, dass er es nicht mehr ertragen könne, ihr (Ehe-)Mann zu sein, weil sie einen anderen liebt. Ich transformiere das Liebesleid in ein „Wort-Leid“, was ich nicht mehr ertragen kann, und verschwinde in die Küche.
Viele Worte verbergen viele Geheimnisse. Einmal in der Welt wabern sie wie Seifenblasen. Sie können zerplatzen, werden aber gleich wieder ersetzt. Dazu kommt, dass mancher hinter dem Tresen das reinste Plappermaul ist, beispielsweise ich.
Dennoch gibt es Geheimnisse, die unter dem Mantel der Verschwiegenheit erzählt wurden. Sie sind glücklicherweise selten so schrecklich, dass sie die Abgründe der Seele ausloten. Aber sie existieren. Viel öfters kündigen Geheimnisse frohe Botschaften an. Wenn es der ausdrückliche Wunsch des Gastes war, oder wenn das Taktgefühl es verbot, Bestimmtes weiterzutuscheln, dann wurde das Geheimnis, kaum war es ausgesprochen, stumm bewahrt.

Die internen Betriebsgeheimnisse bleiben unter Verschluss. Nur so viel sei erwähnt: Bei Streit, unterschiedlichsten Auffassungen und persönlichen Eitelkeiten haben wir es geschafft, uns zu einigen. Dies hinterließ selten Wunden und Brüche. Dennoch gibt es sie. Von heute auf die Jahre gesehen, erscheint mir alles grundsätzlich richtig entschieden worden zu sein, wenn auch einiges schwer war.

Was auf dem Klo vonstatten ging und geht, außer dem normalen Geschäft, weiß ich nicht. Wenn es zu lange dauerte, das normale Geschäft, dann habe ich nachgesehen und es immer geschafft zu helfen und vielleicht später ein wenig geputzt.

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2013. Ein Brief. Zum Glück war der Adressat verzogen.

„OK!“

Niko

20 Jahre voll mit Geschichten aus der Volkswirtschaft
Nr. 9: Niko

Ein Weizen vom Faß bitte: Liegt der Kicker irgendwo rum, Annabelle?

Natürlich mag ich den einen Gast mehr als den anderen. Natürlich fühle ich mich manchem, der seit Jahren in die Kneipe kommt, mehr verpflichtet, als dem Laufkunden.
Dennoch ist jeder Gast willkommen!

Niko, ein junger, großer, gutaussehender, sehr freundlicher junger Mann, kam eines Tages in die Kneipe. Er trank ein Weizen. Wir plauderten. Er schaute ab und zu rein, bald öfters und später regelmäßig.

Anfänglich bot die Kneipe ab 09.00 Uhr Frühstück und ab 12.00 Uhr Mittag an. Das Frühstück lief schlecht. Schnell beschränkten wir uns und machten später auf. Erst ab 11.00 Uhr, Jahre später ab 15.00 Uhr, dann ab 17.00 Uhr und heute ist wochentags ab 18.00 Uhr geöffnet
Der Mittagstisch war ein schwieriges Geschäft. Die Gäste kamen alle auf einmal, wollten schnell ihr Essen, um pünktlich wieder auf der Arbeit zu sein.

Die Universität war noch im gleichen Stadtteil. Anfang September 1998 fand dort der Historikertag statt. Und kurz nach 12.00 Uhr strömten 30 und mehr, zum Teil die Elite der Zunft, zur Tür der Kneipe. Alle wollten essen. Ich war alleine. Die volkswirtschaftliche Planwirtschaft – der Dienstplan – sah für die Mittagszeit nur eine Stelle vor, was normalerweise vollkommen langte. Es ist kein Problem, etwa 6 – 10 Portionen verschiedener Speisen auf einmal fertig zu machen. Das Essen war vorbereitet und musste nur serviert werden. Allerdings warteten weit mehr als 30 hungrige Gäste. Ich rannte wie ein Derwisch zwischen Küche und Gastraum und war nicht mehr Herr der Lage. Niko erkannte die Situation und fragte – damals kannten wir uns noch nicht all zu lange -, ob er helfen könnte. Ich überlegte kurz. Unsere Deckelsammlung über noch nicht bezahlte, aber bereits getrunkene Getränke, resultierte u.a. daher, dass wir zwischen Freundschaftsdienst, Hilfe bei Not und verabredeten Arbeitsleistungen nicht ordentlich unterschieden hatten. Bei Niko wiederum hatte ich keinen Zweifel. Ich war in Not. Er bemerkte es. Er bot Unterstützung. Ich nahm seine Hilfe dankbar an. Niko zapfte Biere, gab Wasser heraus, machte Kaffee und hatte alles im Griff. Ich konnte inzwischen die Essen zubereiten und zu den Tischen bringen. Nach einer Stunde war alles vorbei. Niko wollte nicht einmal ein Getränk für seine Hilfsbereitschaft aufs Haus bekommen. Für ihn war es eine Selbstverständlichkeit. Seitdem war und ist Niko, und ich spreche da nicht nur für mich, ein ganz besonderer Gast.

Die Fotos von Sven Bratulic gemacht, sind aus dem Jahre 2006. Die Eintracht spielte auswärts gegen den BVB und hat nicht verloren, so meine Erinnerung. Wer Niko ist, erkennt man. Oder?

Hatte ich jetzt drei oder vier? Ach. Eins geht noch!