Vor vierzig Jahren

1. Teil
Vor vierzig Jahren war die Welt nicht so viel anders.
Ein gewichtiger, eigentlich der wichtigste PrĂ€sident damals hatte vor seinem Amt eine Karriere als mittelmĂ€ĂŸiger Schauspieler. Politisch, in seinem Auftreten und in seiner pausbĂ€ckigen BeschrĂ€nktheit die Welt erklĂ€rend, stand er fĂŒr all das, was man, wenn man doch mal erwachsen wird, nie sein wollte.
Der sich weiter im Osten befindliche, also der andere wichtigste, nicht PrĂ€sident, sondern GeneralsekretĂ€r benannt, hatte ein nicht zu ĂŒberhörendes Alkoholproblem und sollte bald sterben. Bei ihm wurden eigentlich alle, die sich gegen ihn Ă€ußerten, irgendwie bestraft. Im Bestrafen gab es dort eine lange ausgeklĂŒgelte Tradition, aber manche der jungen aufmĂŒpfigen Leute, von denen gleich noch die Rede sein wird, taten so, als ob das ein zwei schwerwiegende Ausnahmefehler gewesen wĂ€ren, die eben mal passieren, aber eigentlich sei doch vieles richtig und damit gut.
Es wurde damals extrem viel Geld fĂŒr RĂŒstung ausgegeben. Man schreckte vor nichts zurĂŒck, um sich gegenseitig zu gruseln, dass einem der andere nichts tat. Schlussendlich, weil man manchmal keine kleineren LĂ€nder fand, wo man sich stellvertretend bekĂ€mpfen konnte, verlagerte man dieses Gleichgewicht des Schreckens in das Weltall.
Ein paar Jahre spĂ€ter, aber noch lange vor unserer Zeit, gab es den letzten GeneralsekretĂ€r, der sah ein, dass man kein Geld mehr hatte, um all die Waffen zu bezahlen und dass es lĂ€ngst sinnentleert geworden war, wie sein Staat sich erklĂ€rte und existierte. Er zerfiel. Löste sich aber nicht auf. Vielmehr wurde er zunehmend beleidigter in seinen Resten. Vielleicht weil er so klein war und sich von den anderen nicht akzeptiert fĂŒhlte. Diese Reste knĂŒpfen an die ausgeklĂŒgelte Tradition des Bestrafens an und sorgen sich jetzt weniger um den Aufbau des Kommunismus in ihren AufsĂ€tzen, als um das 3. Rom. Ihren Nachbarn versuchten sie das gleiche einzutrommeln.

2. Teil
Vor vierzig Jahren gab es noch keine Volkswirtschaft. Aber eine Kneipe an gleichen Stelle fand sich durchaus. Das junge Volk, eher aufmĂŒpfig, ging lieber ein paar Meter weiter in den Tannenbaum und ins Flotte. Hier war sicher die Eintracht ein Thema. Sie spielte in der Saisons 81/82 gut, wobei mehr solide im Mittelfeld. International flog sie im MĂ€rz gegen Tottenham aus dem Viertelfinale des Europapokals raus. Die jungen aufmĂŒpfigen Leute von damals beschĂ€ftigten weit mehr die Ereignisse um die Startbahn West oder eine Vorbereitung einer Demo gegen die Politik der USA in Mittelamerika.
In Frankfurt erhielt die Hochkultur mit der endlich wiederhergestellten Alten Oper ein zentrales Symbol. Die aufmĂŒpfigen jungen Leute hatten natĂŒrlich damit ein Problem. Was dort, hochsubventioniert vom Staat, aufspielte, wo weniger die Eltern der aufmĂŒpfigen jungen Leute, weil zu teuer, als vielmehr deren Vermieter in Abendgarderobe sich Mahlers 8., schrecklich schön traurig und dabei so bedeutsam, zur Wiederöffnung anhörten, brauchten sie ganz sicher nicht. Ihre GefĂŒhle fanden sie viel besser wiedergegeben in einem Orchester, welches mit zerstörendem LĂ€rm so stark pulsierte, dass es diese alten und neuen Bauten schier zum einstĂŒrzen brachte.
Im Schaufenster der Buchhandlung, wo im Antiquariat ein junger, leicht cholerischer Taxifahrer, der Jahre spĂ€ter in Amt und WĂŒrde mit zerknautschten Gesicht neuen jungen aufmĂŒpfigen Leuten die Weltpolitik erklĂ€rte, starrten unsere jungen aufmĂŒpfigen Leute auf den lang erwartenden vierten Band eines deutsch-deutschen Schriftstellers. Er, der mittlerweile in Vergessenheit geriet, soff sich langsam in seinem Exil auf einer Insel Pfeife rauchend zu Tode. Erst als dem Wirt seiner Stammkneipe auffiel, dass er tagelang nicht mehr kam, wurde bei dem einsiedlerischen Schriftsteller an die TĂŒr geklopft. Als keiner antwortete, wurde die TĂŒr aufgebrochen. Man fand ihn tot. Aber seine BĂŒcher gab es in der Stadtteilbibliothek und sie waren voller Phantom-Schmerz nach der verkaterten Heimat, die doch irgendwo existieren muss. Entweder also, man soff sich die Erinnerung schön oder umschlich sie, scheu wie eine Katze.

3. Teil
Als dann vor vierzig Jahren die jungen aufmĂŒpfigen Leute die Plakate sahen, dass jener Musiker am 11.06. in die Stadt kommt und ausgerecht dort spielt, wurde hin und her diskutiert. Wenn er kommt, sagten die einen, dann gehe ich auf jeden Fall hin. Wenn es einen gibt, der unbeugsam, schonungslos und politisch auf den Punkt, ohne sich anzubiedern, ist und schrecklich schöne Musik macht, die unentschieden zwischen Trauer, Zynismus und LachanfĂ€llen schwebt, dann er. Auch an einem Ort der Hochkultur. Andere hatten vor, nach Westberlin zu gehen, um nicht zum Bund gezogen zu werden und freuten sich endlich, eine neuartige Welle von Musik zu erleben, die sie fĂŒr viel klarer, direkter und somit moderner hielten als ihn. Und wieder andere drehten sich einen großen Joint, legten Musik aus Jamaica, die scheinbar vergeistigt durch Heilserwartungen, sich einfach nur Zeit ließ, weil sie spĂ€ter als eigentlich gedacht anfing, auf.
Beim Konzert dann, anstatt zu zuhören, verunstaltete wĂ€hrend der Zugabe einer der jungen aufmĂŒpfigen Leute eine amerikanische Fahne. FĂŒr ihn das Symbol des Imperialismus. Als er, wegen dem sie alle da waren, dies von der BĂŒhne aus sah, fragte er rhetorisch gemeint, was man da mit seiner Fahne tut. Die anderen Zuhörer schrieen und pfiffen, was mehr als Zustimmung weniger als Ablehnung zur Verunstaltung gewertet werden konnte. Er, auf der BĂŒhne, fluchte den Zuhörer an, das er sich sinngemĂ€ĂŸ zum Teufel scheren solle. Die Sache schien vergessen. Doch ihn, wegen dem sie alle da waren, sagte nach der nĂ€chsten Zugabe, man sollte doch im Zusammenhang mit der Fahne nicht vergessen, dass nicht alle Amerikaner wie ihr damaliger PrĂ€sident, der besagte ehemalige mittelmĂ€ĂŸige Schauspieler, wĂ€ren.
Lange diskutierten sie, auf dem Weg nach Hause im Tannenbaum noch vier fĂŒnf Henninger trinkend, das Konzert. Ein gerade neu eingestellter Hallenser brachte ihnen das Bier. Aber nicht, dass jener Musiker eine alte angebrannte Jimi Hendrix Gitarre spielte, dass er eine blutjunge hochintensive Band um sich hatte, er wieder einen Haufen unbekannter Lieder auffĂŒhrte, er es geschafft hatte, alle neuen Stile und Moden einzubinden, zu kommentieren und all dies in einen Raum zu geben, der erfahrbar war, sondern seine Ansage zum Umgang mit der Flagge beschĂ€ftigte sie. Es ist und bleibt das Symbol des Imperialismus, meinte einer der jungen aufmĂŒpfigen Leute. Der junge Hallenser, gerade aus dem Osten abgehauen, hörte mit einem Ohr zu. Eine Philosophiestudentin im Kolleg machte ihm schöne Augen, was er durchaus bemerkte. Wieder bei den jungen Leuten am Tisch meinte er, dass die Fahne fĂŒr ihn und fĂŒr viele weiter im Osten fĂŒr die Idee der USA, aufgeschrieben in ihrer Verfassung, stehen wĂŒrde, und die sei doch eine Grundlage. Nicht der Ex-Schauspieler als PrĂ€sident, sondern die Freiheiten, die das Gesetz garantiere, ergebe den Sinn. Die „Marseillaise“ seit doch beispielsweise vom reinen Text ausgehend sehr blutig. Aber fĂŒr ihn stehe sie fĂŒr
 Abgelehnt! Das Sein bestimmt doch das Bewusstsein, wurde er von hinten aus dem Kolleg unterbrochen. Hör auf mit diesem sentimentalen bĂŒrgerlichen Schwachsinn. Wie soll sich ein UnterdrĂŒckter entscheiden können, wurde nachgesetzt. Der junge Hallenser, nicht auf dem Mund gefallen, antworte indem er aus seiner Schulzeit zitierte, wenn du nur deine Ketten, die dich binden, verlieren kannst, dann entscheidest du dich doch fĂŒr die Freiheit. Sie ist das Wichtigste. Den Geschmack der Freiheit, ihre SĂŒĂŸe, dabei sah er die Philosophiestudentin an, deswegen bin ich hier. Ein alter Genosse am Tresen sitzend, drehte sich um, schĂŒttelte den Kopf und sprach, im Tannenbaum die SĂŒĂŸe der Freiheit zu kosten, ist genauso dĂ€mlich, wie zu denken, dass die Mauer eines Tages verschwindet. Eher gibt es einen Weltkrieg, du Idiot.

Eintrittskarte Zappa Konzert 1982 in der Alten Oper

Manches Àndert sich und manches Àndert sich nie.
Manches ist wahr, manches erfunden.

Quellen:

Vorzeit

Zeit

Zappa und Umgang USA-Fahne wĂ€hrend Konzert in BrĂŒssel 14.05.82
Kommentar unter Konzert-Mitschnitt, BrĂŒssel 14.05.82

Fotos Jordanstraße 1982

Foto Eintrittskarte Zappa, Alte Oper, late show, 11.06.82

Fotos Jordanstraße 2022
Luca mit Annas Hilfe

Romane:
Peter Kurzeck
Oktober und wer wir selbst sind, 2007
Uwe Johnson
Jahrestage, Band 4, 1983

Musik:
Frank Zappa
Ship Arriving Too Late To Save A Drowning Witch, 1982