Verfall und Untergang der Vowi

Wenn eines Tages vom Verfall und Untergang der Vowi gesprochen wird, könnten, ähnlich wie bei anderen großen Imperien, vier Gründe genannt werden, die alle berechtigt, aber nie umfassend dieses schreckliche Schauspiel einrahmen können.
(Vor dem nächsten Satz Luft anhalten und alles mit nach und nach spannungsgeladener Intonation, mit kurzen, in der Stimmhöhe nach oben gehendem Staccato, wiederum zum Schluss langsam und betont lesen oder sprechen.)
So wie der steuerlich absetzbare Ausschankverlust einem Rinnsal gleich aus einem kaputten Zapfhahn tröpfelt und das Fundament untergräbt, damit Einstürze verursacht, die Kosten ergeben, die eines Tages nicht mehr beglichen werden können, weil alles, aber auch alles, vertröpfelt, verschüttet und vergossen ist.

Hast’n gefunden?
Bei den Männern landen die Tropfen, da ja kein Papier neben den Pissoirs liegt, in der Unterhose und auf dem Boden. Vor lauter evolutionärer Gebietsmarkierungen verklärt sich der Geruch zu der bekannten spätnächtlichen Dekadenz, von der ein mittlerweile vergessener Politiker vor langer Zeit sprach. Dies ist der erste Ansatz. Es stinkt zum Himmel. Alle rümpfen die Nase. Nur keiner wischt’s weg. Vielleicht hätte auch hier ein Putzroboter geholfen. Ein Kamerad für den Wirt.

Überbringer der Nachricht
Als die Katastrophe, die zum Verfall und Untergang führte, in der Vowi ausbrach, so der zweite Ansatz, floh der eine Teil panikartig in alle Richtungen, ohne zu wissen, dass überall längst die Seuche grassierte. Der andere Teil ergab sich in stiller Frömmelei dem bierseligen Suff, schunkelte zu abgeschmackten Liedern, in denen das Europa der Vowis und deren Herzenswärme ausgerechnet vom Prätorianer-Chor des feldmausgesichtigen Kommandanten besungen wurde. Ganz verrückt wurde es, als unser Latein mit griechischen Ausdrücken unterwandert wurde, wie Δ, Ο, αυγά, vibe, Diggah, αδερφός, γαμώτο, καταλαβαίνετε τι εννοώ, σπασμένο, ραπ για ράπερ, ανταγωνισμός, κλικ, Instagram, αναδημοσίευση, περιεχόμενο, ωραία, ηλικία, beats, παιδιά, 31 ετών, κύριος, οικογένεια , προσωπικότητα, ροή, ρέει.
Bald war keiner mehr da, der es buchstabieren konnte und einen Carola-Gutschein besaß, um diesen in der Vowi einlösen. Der Wirt, wenn er die Seuche überlebt hätte, wäre allein in der Welt. Schön allein.

Verlustangst transformiert
Wann es anfing, lässt ist nicht genau sagen. Wie das Alter nach und nach Besitz ergreift, man die Haare verliert und Falten sich manifestieren, so schlich sich etwas ein. Eine Transformation. Gleichzeitig verschoben sich die empfundene, erlebte und erzählte Zeit. Sie verdrängten das Bisherige das zum Mythos deklariert wird. „Good old music“ steht unter dem Namen einer Kneipe im Frankfurter Nordend. Damit werden keine Walzer, Operettenmelodien oder Obertonmusik aus Tuva gemeint sein, obwohl diese viel älter, als die hier verheissene und anhand des Kneipennamens benennbar ist. Eine achtzehnjährige Frau tat mir ernsthaft kund, dass sie kein besseres Lied kenne als „Sing mein Sachse sing“ und es, davon sei sie überzeugt, nie ein besseres geben werde. Vielleicht waren es die neuen Farben an den Wänden der Kneipe, die „Dächer von Paris“ und „Stille Eleganz“ hießen. Als auf einmal eine junge Frau am Tresen nicht laut, dennoch klar genug, dass wir es alle hörten, rülpste und ihre Freundin von der Toilette kommend, sich nicht im Spiegel ihres schönen Scheins vergewisserte, sondern den Reißverschluss ihres Hosenstalls ohne Diskretion schloss, verwischte, veränderte, verlor sich die Vowi in der Zeit. Schließlich bestellte einer, der nie etwas anderes als Binding getrunken hatte eine Coca-Cola. Der Wirt stellte ihm ein Pepsi hin und sprach das Koan: „Die einsame Cola macht den Wirt trunkener als den Gast“.

Drunter und drüber
Weil er den Hals nicht voll genug kriegen konnte von Sandwichmakern, Espressomaschinen mit Blockchain-Technologien und südkoreanischen Filmen mit philippinischen Untertiteln luchste er wie der feldmausgesichtige Kommandant der Prätorianer nach einem neuen Auto. Die Ladesäule dafür sollte direkt vor der Vowi stehen. Dazu benötige er Geld, viel Geld. In einem geheimen Bieterwettbewerb kaufte er das Tannenzapfl, den Prof. Helgoland und im Nordend ein nach einer unansehnlichen Stadt benanntes Kellerlokal unweit des Backstage. Schließlich griff er nach dem Cathering im Waldstadion und wollte aus der Vowi einen Sandwich-Laden machen. Nach zwei Tagen eines Sturmes der Entrüstung im Netz entlud sich die Wut in Wandschmierereien, Verwünschungen. Die Drohungen ließen nicht lange auf sich warten. Ein wütender Mob, digital ausgebrannt, zerschlug symbolisch eine 0 und eine 1, demolierte einen Sandwichmaker und sang auf Philippinisch „Auf die Fresse“. Es kam, wie es kommen musste. Der Wirt befehligte seine hochgezüchtete Armee aus dem Keller, verband sich mit dem Euch bekannten, dauergrinsenden Kommandanten und ein Bürgerkrieg entbrannte. Mit selbstgebauten Erbsenpistolen aus Tic-Tac-Schachteln und Radlerpisttis wurden Anschläge und kaputte Gläser gezählt. Der Kneipenkultur und dem Wirt bekam dies gar nicht. Allein ohne eine Cola blieb ihm Arbeit als Kloputzer in einem neuen Laden. Im Omikron.

Eigentlich wollte ich nur schreiben, dass heute am Sonntag zu ist.

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