Es geht ein Gespenst um in der Mitropa…

Es geht ein Gespenst um in der Mitropa…

Der Titel der kleinen Ausstellung über meine Jahre in Leipzig ist aus einem Lied (Ein Gespenst geht um) von der Silly-LP „Februar“, die 1988 erschienen ist. Ich bin nie ein großer Fan von Silly gewesen, aber ihr professionelles Auftreten auf der Bühne, die frühzeitige Kritik an der DDR -als es noch gefährlich war- und diese so typischen DDR-Doppeldeutigkeiten in ihren Texten sind mir in guter Erinnerung.

Selbstverständlich geben die Dokumente, Papiere, wenigen Fotos und Erinnerungsstücke nur einen Teil meiner Leipziger Jahre wieder. In erster Linie meine -im Vergleich zu anderen- harmlosen Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht. Zum anderen zeigen sie -fast ein wenig überzeichnend-, wie sich mein ?ußeres gezeichnet durch diese Auseinandersetzungen (und heute würde ich noch rückblickend milde lächelnd sagen aus jugendlichen Übermut), verändert hat. Der Bruch in meinem noch recht jungen Leben muß sich zwischen der 9. und 11. Klasse von der Groesse eines Haarrisses zum nicht mehr reparablen Zustand entwickelt haben. Die Ursache dieser Ereignisse waren gewisse Eigenschaften und Eigenheiten meiner selbst, eine Art Erleuchtung durch westliche Rockmusik und das repressive -dabei bornierte und geradezu ängstliche- Auftreten der Staatsmacht in Person meiner Klassenlehrerin.

Das, was das Leben vieler meiner Freunde und mir in unserem Alltag ausgemacht hat, kommt nur ganz am Rande vor. Auch wir haben, wie schon Erich Honecker in seiner Autobiographie berichtete, so manches Glas Bier, Wein oder Schnaps getrunken. Auch wir haben uns die Nächte um die Ohren geschlagen, waren regelmäßig bei Feten, um Mädchen kennenzulernen, haben die neueste Platte, unsere musikalischen Helden, wenn sie einer über Umwege aus dem Westen bekommen hatte, beispielsweise zu zehnt voller Freude zum ersten mal gehört. Auch bei uns wurde Herrmann Hesse oder Jack Kerouac gelesen. Auch wir fühlten uns manchmal einsam, trostlos, ohne Zukunft und am nächsten Tag, weil vielleicht eine Tramptour nach Bulgarien anstand, waren wir voller Energie und vergaßen die staatliche Enge. Meine Freunde und ich lebten in einer Nische, wobei die Grenzen zu einem für die DDR-normalen Leben sich bei einigen vermischten – bei anderen wurde das Nischendasein empfindlich durch die willkürliche Staatsmacht oder durch typische DDR-Ereignisse (z.B. Wehrpflicht) gestört.

In den letzten Jahren der DDR galt in meinem Freundeskreis ein Gesprächsthema: hier bleiben oder in den Westen gehen. Diese lebenswichtige Entscheidung wurde intensiv immer wieder aufs Neue besprochen. Dahingehend eine Entscheidung zu treffen, verlangte von vielen jungen Leuten eine Entscheidung mit schwerwiegenden Folgen. Es musste mit Repressionen, solange man noch in der DDR war, gerechnet werden, die Aussicht, seine Freunde und Verwandten in der DDR wiederzusehen war gering, und was einen im Westen erwartete, war wohl, wie sich im Nachhinein herausstellte, vielen nicht besonders klar.

Was bleibt, muss jeder für sich selbst wissen.

„Es geht ein Gespenst um in der Mitropa…“
7. Oktober 2003 (54. DDR-Geburtstag) – 9. November 2003 (86. Oktoberrevolutions-Geburtstag)
kleine persönliche Ausstellung über Karstens Jahre in Leipzig 1966-1989
mit Dokumenten, Texten, Fotos, Schulbüchern, Zeitschriften, Spielzeug u.a.
virtuell:
Es geht ein Gespenst um in der Mitropa…