Der Birnenbaum am Rande der Stadt

Der Birnenbaum am Rande der Stadt
Teile des Scripts eines verbotenes Abenteuerfilmes der DEFA von 1983

Schauspieler Karsten Jeske, Uwe Deubel, Hans Herrmann Erler, Sylvia Hünebeck, Beate Fürl, Sylvia Weber, Grit Piontek, Katharina Witt und die Kinder der 9a und 9d der 13. POS August Bebel in Ludwigsfelde
Regie Waldemar Cierpinski
Dramaturgie Sandra Mo und Jan Gregor
Drehort Döbeln und Neubrandenburg
Musik Günter Fischer und Gruppe Wir

Uns fiel dies erst Jahre später auf, als der Sumpf trockengelegt wurde und hier ein Denkmal errichtet werden sollte. Unser Überfall damals war der Anfang. Am Ende waren das kleine Refugium, die beiden Müllplätze, der zerfallene Schuppen, wir und die Gründe für all das weg. Am längsten blieb der Birnenbaum und bis heute mag es Wurzeln seiner verschrobenen Ideen geben.
Wir wurden Geschichte. Und heute erzählen irgendwelche Langweiler, an erst recht gelangweilte Kinder mit ihren unentschlossenen, seltsam verkanteten pubertären Gesichtern unsere Geschichten…

Das Kampfziel, der Internationalen Brigade Bezirk Leipzig im Kampfabschnitt Anger-Crottendorf, war es eine Gruppe von FDJlern, die schreckliche Lieder mit Gitarre im Stünzer Park übten, zu verschrecken. Wir sprachen von Erschrecken. In Wirklichkeit aber, wollten wir sie vermöbeln. Enrico nuschelte es am bestens vor sich hin: …verschlahen… Damit meinte er, dass wir sie so sehr verschrecken, dass sie nie wieder in unseren Park sitzen und rumnerven würden. Dabei öffnete er kaum seinen Mund. Im gemütlichen Dialekt der Gegend, den Unterkiefer etwas vorgeschoben stieß er ein zwei Buchstaben sanft in seine Kehle. Man hörte noch das Schlucken. Andere Buchstaben, vielleicht sogar Silben, schien er nicht zu kennen. Er ließ sie weg, was unser gemeines und heimtückisches Vorhaben noch perfider erschienen ließ.
Den Namen Internationale Brigade Bezirk Leipzig m Kampfabschnitt Anger-Crottendorf hatte es gegeben, weil Annegrets geographische Kenntnisse hinter Roßwein, wo ihre Großmutter wohne, aufhörten. Im Musik-Abi musste sie, was dazu kam, ein Kampflied, welches heute in blasser Erinnerung am Himmel firmiert, über die Internationalen Brigaden in Spanien vor dem Krieg, singen. Der Kampf gegen den Faschismus im allgemeinen und der Blechkuchen vom Bäcker im besonderen waren die zwei Errungenschaften des Landes, die wir gut fanden. Die dritte war zumindest für mich Erdbeeren. Und hier bestand die Errungenschaft, dass es sie wirklich, im Gegensatz zu vielen anderen Dingen, nach der Ernte zu kaufen gab. Dazu kam, dass ich sie schnell essen musste, ich schlang sie gerne gezuckert in riesigen Mengen in mich rein, weil sie so schnell fleckig und matschig wurden. Bäcker und Erdbeeren gab es viel später immer noch. Der Kampf gegen den Faschismus relativierte sich spätestens, als wir mit ihnen in einen Topf geworfen wurden, denn wenn du nicht für uns bist, dann bist du automatisch gegen unser Land und hilfst oben drauf unseren schlimmsten Feinden. Der moralische Faustschlag in unsere jugendliche Gesichter wurde im Begriff des Renegaten definiert. Dieser weiß eigentlich, um die gerechte Sache. Aber, weil er sich kaufen ließ oder den Einflüsterungen des mächtigen Feindes erlegen war oder ganz ohne Moral asozial der Gemeinschaft auf der Tasche lag, musste er entlarvt werden. Spätestens dann war ein Gespräch mit ihnen den FDJlern nicht mehr möglich. Deshalb zeigten wir ihnen mit Inbrunst unsere Verachtung und lagen schließlich auf der Lauer.
Annegret summte also, einem Ohrwurm gleich, dieses Lied. Zwischendurch erzählte sie uns jedes Kapitels eines Buches mit Namen „Gefangen in der Pantherschlucht“. Eine Gruppe Halbwüchsiger verläuft sich oder das Wetter war zu schlecht im Hochgebirge. Sie verschlägt es in eine Höhle, von einem Panther argwöhnisch beäugt. Wie sie es schaffen, Panther und Hochgebirge zu entkommen, dauert seine Zeit. Annegret tauschte nun, mehr aus Unbedarftheit als aus Dummheit, den Ort der Handlung des Romanes, den Kaukasus zu Zeiten der Sowjetunion, mit Roßwein und unterlegte alles mit ihren Ohrwurm zur Abi-Prüfung. Sie schlug vor uns Pantherschlucht-Brigade Roßwein zu nennen. Mir und zwei anderen fehlte der örtliche Bezug. Da wir uns keinesfalls als Deutsche, noch als DDR-Bürger, vielleicht als Sachsen, aber am meisten mit unsere Stadt und unseren Stadtteil identifizieren konnten, wurde aus Pantherschlucht der leicht eckige Begriff Bezirk Leipzig. Da wir alle aus Anger-Crottendorf und nicht aus Roßwein oder Reudnitz waren, musste das mit rein. So wurde aus Annegrets Anregungen ausgehend vom Kaukasus über das Städtchen Roßwein zwischen den Bezirken Leipzig, Dresden und Karl-Marx-Stadt die Internationale Brigade Leipzig im Kampfabschnitt Anger-Crottendorf. Das klang so blöd, dass es uns schon wieder gefiel, aber genau genommen war es uns egal. Wir waren immer bereit! Diesmal sogar besonders bereit aus dem Gebüsch heraus zuzuschlagen.
Eine Ecke weiter standen Enrico und Matthias. Katharina, Annegret und Harald sollten in unserem kleinen Refugium zwischen Neubaublock und Kleingartenanlage warten. Wir nannten ihn den alten Schuppen. Harald, der täglich zum Bäcker ging, um mit Pudding gefüllten Streusel-Kuchen und glasierte Pfannkuchen zu kaufen, brachte eines Tages nur Stachelbeerkuchen mit.
Wir riefen, „Was? Nur Stachelbär’?“, Der andere Blechkuchen war alle und ab sofort stand „Stachelbär’“ für unseren Schuppen, besser Exil, Bunker, Versteck, Nest, Burg oder Fluchtpunkt oder vielmehr zu Hause, denn wo anders wollte man uns nicht oder wir wollten all das uns gereichte vermeintlich schöne unseres Heimatlandes nicht.
Dort im zerfallenen Schuppen versteckten wir uns. Eigentlich verzogen wir uns dahin und schauten uns mit dem teilnahmslosen Blick eines Kindes beim größer werden zu. Ich guckte dabei am liebsten auf die feinen Bläschen aus Spucke an den Mundwinkeln Katarinas. Da sie langsam redete, blubberte es, wie aus einem kleinem Loch im Fahrradschlauch, feinste glasige Luft, heute würde ich Perlage sagen, aus ihr heraus. Sie schien es nicht zu stören oder hatte es noch nie bemerkt, ebenso, wie sie für mich keine Verwendung fand, bestenfalls, um als Sitznachbar auf dem Schulhof mit ihr eine zu rauchen. In meinen Augen machte ihr gurgelndes Lispeln sie schöner, größer, leider unerreichbarer. Gleichzeitig wunderte ich mich, woher die viele Spucke kam. Ich stellte mir ihre Küsse, wie ein Sprung in überlaufenden warmen dünnen Kleber vor. Dies ließ mich den nötigen Abstand halten und dennoch sah ich immer wieder hin.

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