Kategorie: Russisches Alphabet

Geschichten und Gefühle über Russland anläßlich der Fußball-WM 2018

Алфавит

Russisches Alphabet_A

Nach der Melodie des Kinderliedes „Ein Männlein steht im Wald ganz still und stumm“ lernten wir Kinder zwischen Saßnitz und dem Vogtland vor Jahrzehnten das Russische Alphabet.

Die Aussprache der diversen Zischlaute, das rollende und nicht gurgelnde R und die durch Buchstabensetzungen bedingte weichere Aussprache mancher Konsonanten waren ein großes Problem. Einige meiner Mitschüler schafften es nie.

Und später verzweifelten sie an den sechs, und nicht wie im Deutschen vier, möglichen Fällen bei der Deklination von Substantiven.

Und noch später beim Erlernen russischer Verben gab es Tränen. Je nachdem, ob man eine Tätigkeit einmal oder mehrmals ausführt, werden unterschiedliche Verben verwendet, die aber beispielsweise im Deutschen beides mal mit „gehen“ übersetzt werden.

Russisch ist für Deutsche Muttersprachler keine einfache zu erlernende Sprache.

Das Russische Alphabet mit der Aussprache der einzelnen Buchstaben findet du hier.

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Танкист

Russisches Alphabet_Т

Früher als Kinder sind wir runter auf den Hof gegangen und haben gespielt.
Dann sind wir weggezogen in ein Hochhaus am Rande der Stadt. Es wurde geklingelt und eine Kinderstimme quäkte: „Kommt K. runter?“.
Später, als wir ein Telefon hatten, riefen wir uns an, um uns zu verabreden. Ich weiß sogar noch unsere alte Nummer von vor vierzig Jahren. Das will was heißen, weil ich so viel von früher vergessen habe.
Und heute sind wir uns durch die virtuelle Welt allgegenwärtig ohne Zeitfenster. Die Zeit hat ihre Mengenangabe verloren.
Kann man ändern.
Ich kann mein Gerät ausschalten oder prinzipiell später antworten. Oder ich verliere mich in die Vergangenheit in die analoge Zeit.

In der Zeit von Runter-auf-den-Hof-gehen spielt das Fernsehen eine entscheidende Rolle. Unterhaltungsmedium, Gleichmacher, Informationsquelle, Sehnsuchtsort. Sogar der Testton nach Sendeschluss hatte etwas.
In dieser Zeit gab es, wie heute, Fernsehserien. Eine unsägliche polnische Serie, die damals lief, heißt „Vier Panzersoldaten und ein Hund.“ Sie gibt es als DVD.
Die Serie erzählt die Geschichte einer polnisch-russischen (georgischen) Panzermannschaft und ihrem Hund im zweiten Weltkrieg. Sozialistische Waffenbrüderschaft, Menschlichkeit, Heldentum, Sieger, kleine menschliche Schwächen – witzig dargestellt – sind die Themen. Es wird dabei gelogen, verfälscht, beschönigt und je nachdem weggelassen, wie man es in den 60er Jahren in den Zeiten des Kalten Krieges für politisch opportun hielt. Ergebnis dieser Serie war, dass ich mit besagten Spielzeugpanzern ernsthaft spielte und die Serie für bare Münze nahm. Zum Glück nicht bis heute!

Бурлаки

Russisches Alphabet_Б

Der Wolga

Die Sonne hoch. Das Wasser niedrig.
Zwei Schritte vor. Nur nicht zurück.
Zwei Sandbänke weiter noch stemmen und ziehen.
Bleibt stark, zugleich – ihr Treidler!
Halt auch du – Kleiner, halte den Schritt!

Ach wäre ich besser zu Hause geblieben.
Im Dorf hinterm Ofen mit Branntwein und Speck.
Hätte Sonjas Rücken gestriegelt,
Mäuse gejagt und mir den Honig vom Finger geleckt.

Dann gab es Krieg. Sewastopol belagert.
Kein Krieg mehr, wie früher.
Tod und Verderben aus der Fabrik.
Wir ließen nicht locker. Kämpften. Starben. Und riefen
Masada, Masada! Osmanen. Kommt nie mehr zurück!“

Und später, da wurde mein Leib mir zu eigen.
Der Zar hat’s per Ukas erlassen. Es ward nun Gesetz.
Das Kreuz hier auf Erden muss ich nicht schreinern.
Ich kann es verkaufen, krieg’s später als Schuld, als Schuldschein, zurück.

Was mache ich nur aus meinem Leben?
Was mache ich nur aus dieser Rus?
Mein Wolga, mein Dorf, der Krieg und das Leben.
Ich bin ein Treidler.
Geh vorwärts und weiche, Genossen, nie mehr zurück!

Fiktives Gedicht eines fiktiven russischen Emigranten, der als fiktiver Treidler am Main bis zum Aufkommen der Dampfschiffe Mitte des 19. Jahrhundert arbeitete. Der russische Maler Ilja Repin malte um 1873 ein Bild, welches die Arbeit der Wolgatreidler zum Thema hatte.
Die Treidler lebten in den Nidda-Auen, unweit der Mündung in den Main.
Die Nidda wurde damals auch Kleiner Wolga genant. Die Straßennamen, wie Werra-, Jordan-, Elbe-, Mosel-, Elster-, Kama- und Parthestraße erinnern bis heute daran, denn was erfunden wird, ist nicht gelogen (Russisches Sprichwort)!

Ilia Efimovich Repin (1844-1930), Wolgatreidler (1870-1873)

Repin, Wolgatreidler, 1873

 

Писатели

Russisches Alphabet_П

Ach diese russischen Dichter!
Es gibt so viele! Und ihre Werke leben und sollen gelesen werden!

Sie genießen dort einen ganz anderen Status als hier. Wer, beispielsweise, kann in Frankfurt, im Stadtteil Bockenheim, in der Vowi Hölderlin zitieren? Mir fällt nur einer ein. In Russland dagegen ist Puschkin – selbst heute noch – allgegenwärtig. Der mittlerweile etwas vergessene Jewgeni Jewtuschenko füllte zu Sowjetzeiten Stadien mit seinen Gedichtakklamationen.

So wie die großen Opernkomponisten des ausgehenden 19. Jahrhunderts (VerdiPuccini) waren russische und sowjetische Dichter Popstars mit allem, was dazugehörte. Kaputte Hotelzimmer, Saufgelage, wirre Affären, Nervenleiden, Schwermut als Berufskrankheit, Reisen als Flucht und Kreativität bis zur Selbstaufgabe waren Programm. Puschkin starb an den Folgen eines Duells, Lermontow durch ein Duell, Gogol an den Folgen religösen Fastens, Jessenin schnitt sich die Pulsadern auf und erhing sich, Majakowski erschoß sich. In der Stalinzeit wurden aus wahllosen Gründen Dichter ins Lager gebracht und/oder getötet. Danach kamen missliebige Künstler nur noch ins Lager. Heutzutage müssen nicht staatstragende Dichter oder Dramaturgen mit Sanktionen der Macht rechnen. Dies kann zwischen Hausarrest und Lagerhaft pendeln.

Man sieht den traditionellen Umgang seit fast 200 Jahren mit den Dichtern und Denkern. Wer zu aufmüpfig ist, wird verbannt, eingesperrt oder geht freiwillig außer Landes.

Lest mir diese Russen!
Gleich neben der Vowi befindet sich die Karl-Marx-Buchhandlung. Dort ist man auf euer Kommen vorbereitet.

Аркона

Russisches Alphabet _A

Stellt euch vor,n eine deutsche Metalband nennt sich „Rus“ nach dem Urland des heutigen Russland. Die Begründung wäre, dass handelnde Wikinger zu den Begründern bzw. Mitbegründer der Rus im 10./11. Jahrhundert gehörten. Kurzgefasst nach dieser Lesart ist die Rus keine slawische, sondern eine germanische Gründung. Zum Glück ist darauf noch niemand gekommen.

Stellt euch vor, es gäbe eine russische Metalband, die sich Lipsk nennen würde. Die Begründung wäre, dass Lipsk – das heutige Leipzig – eine slawische Gründung um 900 gewesen ist und erst im 11./12. Jahrhundert vom Westen aus kolonialisiert bzw. 1165 vom Markgraf Otto dem Reichen von Meißen das Stadtrecht bekommen hat.

Ist eigentlich alles vollkommen egal.

Es gibt aber eine russische Metal-Band mit Namen Arkona. Jeder Ostdeutsche schaut verwundert auf. Denn diesen ist Arkona (Kap Arkona auf der Ostseeinsel Rügen) ein recht bekannter Ort, wo sie vielleicht schon mal im Urlaub gewesen sind. Ist übrigens nicht weit von Greifswald, dem Geburtsort von Toni Kroos.
Arkona war bis zur Besetzung durch den Flipperbaumkönig Uwe I. eine Burg- und Kultanlage der Slawen gewesen: Jaromarsburg.

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Uwe I.

Bis heute kann man die Reste noch besichtigen.

Die russische Metalband Arkona ist jetzt musikalisch gesehen auch nicht viel anders als ähnliche Bands, wie zum Beispiel Schandmaul aus Deutschland.

[youtube https://www.youtube.com/watch?v=RY3wjFvipUo?start=16&w=560&h=315]

Aber Arkona hat ihre Sängerin.

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Mascha ‚Scream‘ Archipowa

Diese macht den Unterschied.
Zum einen beherrscht sie das Singen von traditionell bis Deathmetal. Zum anderen verkörpert sie mit ihrem Bühnenauftritt und ihren Videos als Hauptakteurin der Band Ideal, Stereotyp, Kunst- und Märchenfigur einer russischen Frau. Sie ist die edle, unbeugsame, wahrhafte, leidenschaftliche, treue, nichteitle, hingebungsvolle, schamhafte, ihre Rolle einnehmende, im Zweifel aber problemlos über ihrer Rolle hinauswachsende Bäuerin, Magd, Zarin, Schamanin, Göttin, Heilige, Kriegerin, Mensch.

[youtube https://www.youtube.com/watch?v=3L-MdPRpslc&w=560&h=315]

[youtube https://www.youtube.com/watch?v=BaP1wDvkA6E&w=560&h=315]

[youtube https://www.youtube.com/watch?v=A7fuuDc2hH0&w=560&h=315]

Arkona treten weltweit auf. Sie geben sich unpolitisch, aber klar antirassistisch und antifaschistisch.

Die Unterschiede zwischen slawischer und germanischer Kultur im Metal ist, außer, dass die einen dunkle und die anderen blonde Haare haben, nicht besonders groß. Sie ist meiner Meinung nach austauschbar, was ich beruhigend finde.

Hier findet ihr einen unterhaltsamen, ein wenig romantischen Märchenfilm, der davon handelt, dass Nordmänner im heutigen Polen Slawen angreifen.

Wobei mir die Darstellung der Wikinger (Nordmänner) besonders gefällt.

[youtube https://www.youtube.com/watch?v=f1xW0hLe_94&w=560&h=315]

Сергей Александрович Есенин

Russisches Alfaphet_Е

Schon sein Name vereint all diese Tugenden und Eigenheiten, die ich an den russischen Schriftstellern so schätze.
Jessenin klingt weich, fast zart, aber nicht lasch. Die drei Silben seines Namens geben ihm dagegen Gewicht. Das n als letzter Buchstabe rundet das Träumerische pragmatisch ab. Wiederum, rethorisch gefragt, kann eine anderer Name schwermütiger klingen als Jessenin.
Sein Leben erscheint wie die Balance auf einer Stromleitung – hätte sie es gegeben – mitten in Russland. Jeder Schritt brachte scheinbare Erleuchtung, aber auch permanente Todesgefahr. Natürlich ist dies rein oberflächlich. Aber ein zwei Dinge aus seinem Leben stehen dafür. In sehr jungen Jahren wird er von seinem Vater aus Armut zu seinen Großeltern gegeben. Er wächst mitten in Russland in Rjasan auf. Hier findet er alle Themen seiner gebrochenen Dorfprosa. Er bricht den scheinbar rückwärts gewandeten Blick schnörkellos durch die Oktoberrevolution, seine Reisen und seine eigentümliche Hektik. Er geht drei oder sogar vier Ehen ein, unter anderem mit der damals weltbekannten amerikanischen Tänzerin Isadora Duncan. (Der Singer/Songwriter Vic Chesnutt, der sich vor wenigen Jahren selbst tötete, hat über sie und sich tanzend erträumend ein Lied geschrieben.) Immer wieder reist er. Und dann schrieb Jessenin mit Blut sein letztes Gedicht und tötete sich 1925 gleich zwei Mal. Erst schnitt er sich die Pulsadern auf, und dann hing er sich an den Heizungsrohren in seinem Hotelzimmer auf.

Viel Theater, von einem, der immer im Mittelpunkt stehen wollte, meinten manche Dichterkollegen.
Ich würde ihn lieber für seine sensible Exaktheit rühmen, diesen Menschen – diesen Russen – eine Stimme gegeben zu haben in Zeiten der Permanenten Revolution.

Jessenin

Sergei Alexandrowitsch Jessenin

Hier ein kurzes dunkles Gedicht aus dem Jahre 1925. Im Laufe der nächsten Tage gibt es noch ein längeres biographisches Gedicht.
aus Sergej Jessenin, Gedichte, Leipzig 1988, S.213
Ebene, beschneite. Weißer Mond.
Ein Leichentuch über den Feldern, dicht.
In Weiß die Birken weinen im Wald.
Wer kam um hier? Wer starb? Wars nicht ich?

[youtube https://www.youtube.com/watch?v=t4APflj0Fuw&w=560&h=315]

Русский

Russisches Alphabet_Р

Während meiner Schulzeit in Leipzig in der DDR 1973-1985 besuchte ich eine Klasse mit wesentlich mehr Russisch- und später Englischunterricht, als es normal war. Die Parallelklassen meiner Schule ohne den erweiterten Sprachunterricht hielten uns für staatsnah – dabei den sozialistischen Lebensweg fest im Blick habend – und für sozial höher gestellt. Im schönsten Sächsisch formuliert, fanden sie uns „bekloppt“. Wir waren für sie die „Russen“. Wozu brauchte man in der DDR Englisch? Wollte man damit angeben? Wollte man ins NSA (Nichtsozialistische Ausland) reisen, was nur ging, wenn man politisch ganz auf Linie der SED war? Niemand von unseren befreundeten „Brudervölkern“ in Afrika, Lateinamerika oder Asien sprach Englisch. Und schließlich, wozu brauchte man so viel Russischunterricht? Wollte man Karriere im Staatsapparat machen? Was gefiel einem an den „Russen“? In der späten DDR sah man die „Russen“ bzw. die Soldaten der Roten Armee und ihre Angehörigen nur von weitem in ihren ummauerten Kasernen. Oft waren in den Fenstern keine Gardinen, sondern als Kälteschutz Zeitungspapier. Von nahem, bei von staatlicher Seite organisierten „Freundschaftstreffen“, fielen uns die riesigen Brillengestelle, der Knoblauchduft einzelner Genossen bzw. Komsomolzen, die halben Zigaretten „Machorka“, der Wodka-Konsum, die Pelzmützen Tschapka und das als „Russenpanzer“ titulierte Auto „Saporoshez“ auf. Dies erschien den Meisten peinlich, lächerlich, unmodern und in keinster Weise erstrebenswert.

Neben diesen selbstgemachten Erfahrungen gab es die Staatsideologie der DDR. Sie fasste das Verhältnis zur Sowjetunion „Von der Sowjetunion lernen, heißt Siegen lernen“ zusammen. Alles was aus der SU kam, war gut, und es zu hinterfragen, war praktisch ein konterrevolutionärer Akt.

(„Alles außer Frankfurt ist Scheiße!“ ist inhaltlich davon nicht weit entfernt.)

Die DDR-Oberen in ihrer Borniertheit und politischen Arroganz bewirkten mit ihren Bemühungen, uns die sozialistischen „Bruderländer“ näher zu bringen, das Gegenteil.

Deshalb wurde unsere Klasse als die „Russenklasse“ und wir einzeln als „Russe“ tituliert.

„Russe“ war zu meiner Zeit in Leipzig in der DDR ein Schimpfwort. Und Russisch galt -Ähnliches sagte man über das Tschechische – im Volksmund nicht als Sprache, sondern als „Halskrankheit“.

Ich empfand dies nicht so, aber das ist eine andere Geschichte.

Sibieren?

1978, ein Leipziger „Russe“ im Erzgebirge

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Meine Russisch Schulbücher

Владимир Владимирович Маяковский

Russisches Alphabet_М

Ziemlich groß, hager, markantes eindringliches Gesicht, nichts Weiches im grimmigen Blick:
Wladimir Majakowski.
Seine dichterischen Arbeitsgeräte waren im übertragenen Sinn Pressluftbohrer und Stahlhammer und nicht die feine spitze Feder. Für die Revolution kann es nicht laut und grell genug sein.
Die Revolution soll er wie sein eigenes Haus betrachtet haben. Er wohnte darin.
Seine Gedichte, Bilder, Karikaturen und Dramen werden heute bestenfalls aus seiner Zeit gesehen. Seine Zeit war endlich.
Er passte nicht mehr in den sich schnell wandelten Zeitgeist nach Lenin, der 1924 starb und schon Monate vorher außer Gefecht war. Sein Nachfolger Stalin verband sich mit denen oder mit jenen in der Parteiführung, die dann nach getaner Arbeit ebenfalls verfolgt, ins Lager gesteckt und umgebracht wurden.
Majakowski merkte dies sehr wohl. Verworrene Liebesgeschichten, mangelnde Anerkennung, die Karawane war längst weitergezogen, der Hund Majakowski bellte noch immer.
Er erschoß sich 1930.

Seine Gedichte wirken seltsam gehetzt, im Staccato-Rhythmus. Mich erinnern sie an Rap/Hip Hop. Aber nicht weichgespült. Vielmehr läuft bei ihm die Waschmaschine auf vollen Touren bei 90 Grad.
Hier wird nicht erzählt, hier wir angeklagt, aufgerufen, aufgefordert, angeprangert, übertrieben, eingefordert:
Jim Morrison, der viel zu früh verstorbene Sänger der „Doors“, forderte im Lied „When the music’s over“, „Wie want the world and we want it now!“ Mehr wollte Majakowski auch nicht.

Вл._Маяковский

In seinem Poem „Der Fliegende Proletarier“ entwirft er eine Zukunftsvision des vereinigten Weltproletariats. Was Majakowsi 1925 verfasste, klingt dennoch nicht fremd, durchaus modern, agitatorisch, wissenschaftsgläubig, witzig:

Morgens
Um Achte.
Ertönt der Radioweckuhr:
„Genosse – geruhen ruhig runter vom Ohr!
Der Kittel lässt bitten.
Noch irgendein Weckauftrag nicht übermittelt?
Bis dahin, dann! Priwjet!“
Schlaftrunken aber flugs in die Spur
drückt der Bürger den Knopf zur Elektrorasur.
In einer Minute – frisiert ein so glattes Kinn
kriegt selbst Genossin Venus von Milo nicht hin.
Der Stecker zur Buchse und Lippen gewendet:
und die Strombürste -zupp!- bringt ein Lachen, das blendet.
Es braucht keinen Diener! Bedient er den Anlasser
schon prasselt das Bad selbst sein Warmwasser.
Da fliegen ihm Seifenflocken –
und los geht’s: mit Schrubben und Trocknen.

aus Wladimir Majakowski, Der Fliegende Proletarier, Berlin 2015, S. 58-59

[youtube https://www.youtube.com/watch?v=pkylMafbKDY&w=560&h=315]

Лена

Russisches Alphabet_Л

1956 wurde in Ungarn ein Aufstand, der die politische Unabhängigkeit proklamierte, von der eingerückten Roten Armee niedergeschlagen. Der gewählte Präsident wurde abgesetzt und später erschossen.
Mindestens 2500 Ungarn sowie hunderte Soldaten der Roten Armee wurden getötet. Von vielleicht 9,5 Millionen Einwohnern flohen über 200.000 nach Österreich und in die ganze Welt.

Für uns DDR-Bürger war Ungarn immer ein ganz besonderes Land. „Die lustigste Baracke“ wurde es innerhalb der sozialistischen Staaten genannt. Es gab mehr westliche Produkte zu kaufen, es wirkte offener und unverkrampfter.

Nun gibt es bis heute eine ungarische Rockgruppe mit Namen „Omega“. Eine elegante Mischung aus charismatischem Sänger, Kunstrockeinflüssen und interessanter Popmusik machten sie auch bei uns bekannt, obwohl sie keine Indie-Band waren. Sie touren bis heute.
Ein Lied mit Namen „Lena“ ist einer ihrer bekanntesten. Den Text verstand ich nicht, wie ich auch das ganze Lied eigentlich nie begriff.
Wir wussten, dass in Ungarn die „Russen“ verhasst waren. Viele DDRler konnten Russisch. Aber man erzählte sich, das man in Ungarn nie versuchen sollte, Russisch zu reden. Bestenfalls würden die Ungarn nicht reagieren.  Im schlimmsten Fall gab es Prügel.
Wie also konnte dann eine etablierte ungarische Band ein Lied mit einem russischen Mädchennamen schreiben? Dazu gab es im Lied diverse klare Zitate der russischen „Populärkultur“: Der Wind pfeift, Wölfe heulen, man hört Pferdeglocken ohne Hufeinschläge, was an den Russischen Winter erinnert. Der Gitarrist imitiert die schnellen Noten einer Balalaika, was wir zungenfertig jederzeit nachmachen konnten und was als Code für Russland stand. In der Mitte des Liedes gab es einen längeren Instrumentalteil, der ein wenig an Pink Floyd oder an Genesis erinnert. Er wird wiederum von einem an den orthodoxen Ritus erinnernden Männerchor umhüllt.
Ich fragte mich, wie konnte Omega so ein Lied aufnehmen, ohne Hintergedanken zu haben. Wie konnte ein Lied zu einem Hit der Gruppe werden, was jeder in Osteuropa mit der Sowjetunion/Russland verband? Singen sie über vollkommen Banales, oder gibt es versteckte Botschaften? Ich weiß es bis heute nicht.
Im Lied wird über Lena, Dimitri und ein lyrisches Ich erzählt. Irgendwann ist einer von den dreien weg, und das war es.
Neben dem Original-Video der Band von Mitte der 70er haben Omega nach der Wende einen neuen Film zum Lied gedreht. Zu sehen sind drei Häftlinge im Winter im Lager. Eine und später zwei junge Wärterinnen, denen nicht zu kalt ist, machen sich über die Gefangenen sexuell lustig.

Léna
Text: Gábor Várszegi
Deutscher Text: nach einer „Spezial“-Sendung der Sendereihe „Trend – Forum populärer Musik“, Berliner Rundfunk, 1987

Der Schnee fällt, der Wind weht,
Dimitri erzählt von Lena.
Ich höre zu und sehe Lena auf meinem Bett.
Damals wartete sie noch.
Die Troika flog über den frischen Schnee.

Das war ein Winter, ein schrecklicher Winter.
Dimitri erzählt, ich höre zu.
Eines Morgens war Lena nicht mehr da.
Sie hat länger nicht mehr gewartet.
Und die Troika stand im frischen Schnee.

Der Schnee fällt, der Wind weht,
Dimitri erzählt von Lena.
Ich höre zu und sehe Lena auf meinem Bett.
Damals wartete sie noch.
und die Troika flog über den frischen Schnee.

Quelle:
https://berndreichert.de/deutsch/omega/frames/texte.htm

 

Omega

Omega, Lena, 1977

 

[youtube https://www.youtube.com/watch?v=SaRz7iB0Png]

[youtube https://www.youtube.com/watch?v=mQ-xue_dZgE]

Чай

Russisches Alphabet_Ч

Vor etwa vierhundert Jahren war der damalige „Bundeskanzler“ von Sachsen August Christo Reinmass, auch bekannter als August der Starke, weil er mehr Zieglein als ein mißliebiger Konkurrent hochheben und geschmort verspeisen konnte, mal wieder in Leipzig. Sein Weg führte ihn zwischen Nikolai- und Thomaskirche in ein Lokal, namens Coffewirtschaft. Er mochte diese Stadt mehr als seine Residenzstadt Dresden. Die Leipziger schienen ihm offener (durch ihre Messe), sprachgewandter (Hä? anstatt Nu!) oder druckten die besseren Schriften in ihrer Presse (Meyer „Als wir offen waren“ contra Tellkamp „Mein Land soll eine Festung sein!“). Und in diesem merkwürdigen Spiel aus dem neuen Indien, dessen Namen (Ron…Roc…Roko…) ihm gerade nicht einfiel, sollten die Leipziger geschmeidiger und besser aussehen, nur leider erfolgloser sein. Allerdings fand er sich dabei, ohne Perücke zu zeigen, eine neumodische Unsitte. Im Gegenteil, sich seine Perücke an den Spitzen zu erhellen, wie es ihm ein Galgenvogel aus Portugiesisch-Madeira vorgeschlagen hatte, gefiel ihm.
Aber er durfte nicht abschweifen, seinen Gedanken freien Lauf lassen. Später, vor dem Zu-Bett-Gehen bei seiner Yogastunde mit einer Tasse Chai, dann könnte er sie kreisen lassen.
Zu spät. Im Kreis: Chai aus seinen feinen Porzellan-Tassen. Aber es war nicht sein Porzellan. Er musste es, wie seinen Yogameister aus dem fernen China, herbeiholen lassen, genau wie den Chai. August aber wollte sein eigenes Porzellan und nicht diesen Grünen, Schwarzen oder Weißen Chai. Er trank ihn mit viel Milch und viel Zucker. Zucker war teuer. Teurer als seine Hofkapelle in Dresden mit Heinichen und Zelenka. Gab es da nicht diesen Kantor und Organist hier in Leipzig. Sicher schlecht bezahlt und furchtbar – wieder so etwas Neumodisches – sprituell. Er würde die Schneider fragen. Seine Gräfin Schneider. Aber die weilte auf ihrem Landgut in Pillnitz. Sie gab vor, sich um ihre Weinberge zu kümmern. Hatte aber anderes im Sinn. Angesteckt durch einen neuen Spleen, wollten die Frauen jetzt schmal und gräßlich dünn sein. All das, was ihm Wonne und Muße bereitete, wollten sie weg hungern durch Wasser anstatt Zieglein und Yoga anstatt Wein. Konnte sie ihm dann schmallippig mit so viel Esprit Contra geben, wie er es von ihr gewohnt war und so sehr mochte?
Gut nun. Er hatte bis jetzt kein eigenes Porzellan. Dafür diesen gruslischen Tee von den Moskowitern, diesen Wassertrinkern. Er hatte die polnischen Ländereien. Dafür musste er den katholischen Glauben annehmen in seinem protestantischen Sachsen. Er hätte gerne mehr von der Schneider gehabt. Sie erschien ihm wie eine Traube bei Frost gelesen. Sie wurde immer blasser, aber spät gelesen am süßesten. Dies durfte er nur denken, nicht laut aussprechen. Die Frauen im Amt würden ihn an den Pranger stellen. Er musste Geduld aufbringen, die er leider nicht hatte. Er wollte den Chai nicht vor sich haben, um dann zu warten, weil er ziehen muss. Er wollte alles und zwar gleich.
Man bringe ihm dieses neue Getränk von den Türken und keinen Chai, forderte August nachdem er das stille Örtchen besuchte und verwundert die Kritzeleien dort gelesen hatte: GOAT und darunter „August ohne a tateratata“. So ein Quatsch. Er hasste dieses preußische Militärgedöns.
August bestellte sich zum ersten Mal in Leipzig einen Coffee, und dann dauerte es gar nicht mehr so lange, bis aus den Sachsen die Kaffeesachsen wurden, denen auch der grusinische Tee in der Mitte des 20. Jahrhunderts nichts anhaben konnte.

Was erfunden wird, ist nicht gelogen! (Russisches Sprichwort)

Schwarzteemischung aus der DDR

Schwarzteemischung aus der DDR

Unerträgliche DDR-Popband Kreis mit dem Lied „Grusinischer Tee“, der umgangssprachlich „Gruslische Mischung“ oder auch „Der Dreck aus der Teefabrik“ genannt wurde:
https://www.youtube.com/watch?v=44QjSwNhxLY

Kabarettist Uwe Steimle über Sächsisch:
[youtube https://www.youtube.com/watch?v=EQUnU3kXbsg&w=560&h=315]