Kategorie: Russisches Alphabet

Geschichten und Gefühle über Russland anläßlich der Fußball-WM 2018

Ликвидация

Russisches Alphabet_Л

Mein Bild der Russen ist geprägt von vor vierzig Jahren. Einzelne Erkennungsmarken sind die bereits letztens zitierten riesigen Brillengestelle, der Knoblauchduft einzelner Genossen bzw. Komsomolzen, die labbrigen Waffelbonbons namens „Konfekt“, die halben Zigaretten „Machorka“, der Wodka-Konsum oder die Pelzmützen Tschapka.
Im meist leergefegten Huthpark im Frankfurter Nordosten jogge ich regelmäßig zur Mittagsstunde. Neben den immer gleichen Hundebesitzern und den deutschen Rentnerpaaren spazieren diverse nichtdeutsch sprechende ältere Menschen dort. Die russischsprachigen älteren Frauen haben große bis riesige Brillengestelle. Die sind in all den Jahren nie kaputt gegangen.
Die jungen Russen, welche in der Vowi zu Gast sind, haben zum Glück ganz andere Brillen. Sie entsprechen keinen meiner aufgezählten Klischees.
Um meinen Klischees zu entkommen, schaue ich russische Serien. In der Zentralbibliothek in Ffm kann man sich diverse ausleihen. Auf youtube findet man einiges. Aber in Hülle und Fülle gibt es russische Filme kostenlos auf dem Portal von Mosfilm, der russischen Produktionsfirma.

Besonders gerne habe ich die Serie Ликвидация (Likvidatsiya) gesehen. Darin geht es um die Nachkriegswirren in Odessa. Der bekannteste Marschall der Sowjetunion Schukow gerät unter Stalin nach dem 2. Weltkrieg in Misskredit. Stalin scheut seine Popularität. Deshalb versetzt er ihn nach Odessa, wo Nazikollaborateure immer noch aktiv sind. Ein eher unkonventioneller Polizist mit jüdischen Wurzeln, der  die Odessaer Halbwelt gut kennt, leitet die Aktion. Ликвидация ist ein langsamer Film, der manchmal in einen Western abgleitet, mit diversen zeithistorischen Anspielungen aufwartet und in der Hauptrolle von einem russischen Superstar (Vladimir Mashkov) gespielt wird. In der Ukraine ist die Serie aktuell verboten, weil der Schauspieler des Oberbösewichtes sich klar für die Ukraineabtrünnigen ausgesprochen hat. Zufälligerweise sind beide Hauptdarsteller Mitglied in Putins „Vereintes Russland“. Dies tut der Serie in meinen Augen keinen Abbruch.

Сборная

Russisches Alphabet_С

Igor Akinfeew, der Tormann der Russischen Nationalmannschaft, sagte 2006 in der Märzausgabe von „11Freunde“ als 19jähriges Towarttalent bei ZSKA Moskau: „Sieh dir das an. Russische Frauen bekommen keine Kinder mehr, es wimmelt von Alkoholikern, die Lebenserwartung der Männer ist so gering wie nie. Der Fußball ist vielleicht ein Weg, um den Leuten den Glauben an ihr Land wiederzugeben. Wir müssen gut sein, gewinnen, für Russland. Hier gibt es Dörfer, die sterben, weil sie alt sind und abgeschnitten von Moskau.“
Seit dem Sieg gegen Spanien im Achtelfinale der WM glauben sicher mehr Menschen an die Sbornaja – an die Russische Fußballnationalmannschaft. Gestern – auf die Frage eines Gastes, ob es Russland gegen Spanien schaffen könnte – antworte ich noch mit: „nicht vorstellbar“. Ich habe mich nicht zum ersten Mal in dieser WM grob geirrt.

1860 wurde von Arbeitern aus England, Schottland und Deutschland in St. Petersburg der erste russische Fußballverein gegründet. Russen war die Mitgliedschaft untersagt. Seit 1901 durften russische Soldaten und Studenten in der St. Petersburger Liga mit ausländischen Arbeitern mitspielen. Ab 1914 war Fußballspielen allen Russen erlaubt. Der 1. Weltkrieg bis nach den ersten Jahren der Oktoberrevolution ließ den Fußball in den Hintergrund treten. Er galt als zu kapitalistisch und zu individuell. Erst 1936 wurde eine erste Liga gegründet. Inzwischen hatte sich das sowjetische Menschenbild geändert. Ein gewisser Individualismus war gestattet. Es galt jetzt, sein eigens Tor zu verteidigen. Und man hat den Eindruck, die Sbornaja spielen auch fast hundert Jahre später ähnlich.

Fußball ist in Russland immer noch nicht so populär wie in Europa. Dies könnte sich ändern bei erfolgreichen Dramen.

Der Deutschlandfunk hat eine Serie über Fußball und Politik in Russland aufgelegt. Dies lohnt sich zu hören.

WM-Trikot / Jersey / Russland

Das Trikot der russischen Nationalmannschaft

deineka

Alexander Deineka, um 1936 (erinnert mich an en Leipziger Maler Neo Rauch)

Алфавит

Russisches Alphabet_A

Nach der Melodie des Kinderliedes „Ein Männlein steht im Wald ganz still und stumm“ lernten wir Kinder zwischen Saßnitz und dem Vogtland vor Jahrzehnten das Russische Alphabet.

Die Aussprache der diversen Zischlaute, das rollende und nicht gurgelnde R und die durch Buchstabensetzungen bedingte weichere Aussprache mancher Konsonanten waren ein großes Problem. Einige meiner Mitschüler schafften es nie.

Und später verzweifelten sie an den sechs, und nicht wie im Deutschen vier, möglichen Fällen bei der Deklination von Substantiven.

Und noch später beim Erlernen russischer Verben gab es Tränen. Je nachdem, ob man eine Tätigkeit einmal oder mehrmals ausführt, werden unterschiedliche Verben verwendet, die aber beispielsweise im Deutschen beides mal mit „gehen“ übersetzt werden.

Russisch ist für Deutsche Muttersprachler keine einfache zu erlernende Sprache.

Das Russische Alphabet mit der Aussprache der einzelnen Buchstaben findet du hier.

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Танкист

Russisches Alphabet_Т

Früher als Kinder sind wir runter auf den Hof gegangen und haben gespielt.
Dann sind wir weggezogen in ein Hochhaus am Rande der Stadt. Es wurde geklingelt und eine Kinderstimme quäkte: „Kommt K. runter?“.
Später, als wir ein Telefon hatten, riefen wir uns an, um uns zu verabreden. Ich weiß sogar noch unsere alte Nummer von vor vierzig Jahren. Das will was heißen, weil ich so viel von früher vergessen habe.
Und heute sind wir uns durch die virtuelle Welt allgegenwärtig ohne Zeitfenster. Die Zeit hat ihre Mengenangabe verloren.
Kann man ändern.
Ich kann mein Gerät ausschalten oder prinzipiell später antworten. Oder ich verliere mich in die Vergangenheit in die analoge Zeit.

In der Zeit von Runter-auf-den-Hof-gehen spielt das Fernsehen eine entscheidende Rolle. Unterhaltungsmedium, Gleichmacher, Informationsquelle, Sehnsuchtsort. Sogar der Testton nach Sendeschluss hatte etwas.
In dieser Zeit gab es, wie heute, Fernsehserien. Eine unsägliche polnische Serie, die damals lief, heißt „Vier Panzersoldaten und ein Hund.“ Sie gibt es als DVD.
Die Serie erzählt die Geschichte einer polnisch-russischen (georgischen) Panzermannschaft und ihrem Hund im zweiten Weltkrieg. Sozialistische Waffenbrüderschaft, Menschlichkeit, Heldentum, Sieger, kleine menschliche Schwächen – witzig dargestellt – sind die Themen. Es wird dabei gelogen, verfälscht, beschönigt und je nachdem weggelassen, wie man es in den 60er Jahren in den Zeiten des Kalten Krieges für politisch opportun hielt. Ergebnis dieser Serie war, dass ich mit besagten Spielzeugpanzern ernsthaft spielte und die Serie für bare Münze nahm. Zum Glück nicht bis heute!

Бурлаки

Russisches Alphabet_Б

Der Wolga

Die Sonne hoch. Das Wasser niedrig.
Zwei Schritte vor. Nur nicht zurück.
Zwei Sandbänke weiter noch stemmen und ziehen.
Bleibt stark, zugleich – ihr Treidler!
Halt auch du – Kleiner, halte den Schritt!

Ach wäre ich besser zu Hause geblieben.
Im Dorf hinterm Ofen mit Branntwein und Speck.
Hätte Sonjas Rücken gestriegelt,
Mäuse gejagt und mir den Honig vom Finger geleckt.

Dann gab es Krieg. Sewastopol belagert.
Kein Krieg mehr, wie früher.
Tod und Verderben aus der Fabrik.
Wir ließen nicht locker. Kämpften. Starben. Und riefen
Masada, Masada! Osmanen. Kommt nie mehr zurück!“

Und später, da wurde mein Leib mir zu eigen.
Der Zar hat’s per Ukas erlassen. Es ward nun Gesetz.
Das Kreuz hier auf Erden muss ich nicht schreinern.
Ich kann es verkaufen, krieg’s später als Schuld, als Schuldschein, zurück.

Was mache ich nur aus meinem Leben?
Was mache ich nur aus dieser Rus?
Mein Wolga, mein Dorf, der Krieg und das Leben.
Ich bin ein Treidler.
Geh vorwärts und weiche, Genossen, nie mehr zurück!

Fiktives Gedicht eines fiktiven russischen Emigranten, der als fiktiver Treidler am Main bis zum Aufkommen der Dampfschiffe Mitte des 19. Jahrhundert arbeitete. Der russische Maler Ilja Repin malte um 1873 ein Bild, welches die Arbeit der Wolgatreidler zum Thema hatte.
Die Treidler lebten in den Nidda-Auen, unweit der Mündung in den Main.
Die Nidda wurde damals auch Kleiner Wolga genant. Die Straßennamen, wie Werra-, Jordan-, Elbe-, Mosel-, Elster-, Kama- und Parthestraße erinnern bis heute daran, denn was erfunden wird, ist nicht gelogen (Russisches Sprichwort)!

Ilia Efimovich Repin (1844-1930), Wolgatreidler (1870-1873)

Repin, Wolgatreidler, 1873

 

Писатели

Russisches Alphabet_П

Ach diese russischen Dichter!
Es gibt so viele! Und ihre Werke leben und sollen gelesen werden!

Sie genießen dort einen ganz anderen Status als hier. Wer, beispielsweise, kann in Frankfurt, im Stadtteil Bockenheim, in der Vowi Hölderlin zitieren? Mir fällt nur einer ein. In Russland dagegen ist Puschkin – selbst heute noch – allgegenwärtig. Der mittlerweile etwas vergessene Jewgeni Jewtuschenko füllte zu Sowjetzeiten Stadien mit seinen Gedichtakklamationen.

So wie die großen Opernkomponisten des ausgehenden 19. Jahrhunderts (VerdiPuccini) waren russische und sowjetische Dichter Popstars mit allem, was dazugehörte. Kaputte Hotelzimmer, Saufgelage, wirre Affären, Nervenleiden, Schwermut als Berufskrankheit, Reisen als Flucht und Kreativität bis zur Selbstaufgabe waren Programm. Puschkin starb an den Folgen eines Duells, Lermontow durch ein Duell, Gogol an den Folgen religösen Fastens, Jessenin schnitt sich die Pulsadern auf und erhing sich, Majakowski erschoß sich. In der Stalinzeit wurden aus wahllosen Gründen Dichter ins Lager gebracht und/oder getötet. Danach kamen missliebige Künstler nur noch ins Lager. Heutzutage müssen nicht staatstragende Dichter oder Dramaturgen mit Sanktionen der Macht rechnen. Dies kann zwischen Hausarrest und Lagerhaft pendeln.

Man sieht den traditionellen Umgang seit fast 200 Jahren mit den Dichtern und Denkern. Wer zu aufmüpfig ist, wird verbannt, eingesperrt oder geht freiwillig außer Landes.

Lest mir diese Russen!
Gleich neben der Vowi befindet sich die Karl-Marx-Buchhandlung. Dort ist man auf euer Kommen vorbereitet.

Аркона

Russisches Alphabet _A

Stellt euch vor,n eine deutsche Metalband nennt sich „Rus“ nach dem Urland des heutigen Russland. Die Begründung wäre, dass handelnde Wikinger zu den Begründern bzw. Mitbegründer der Rus im 10./11. Jahrhundert gehörten. Kurzgefasst nach dieser Lesart ist die Rus keine slawische, sondern eine germanische Gründung. Zum Glück ist darauf noch niemand gekommen.

Stellt euch vor, es gäbe eine russische Metalband, die sich Lipsk nennen würde. Die Begründung wäre, dass Lipsk – das heutige Leipzig – eine slawische Gründung um 900 gewesen ist und erst im 11./12. Jahrhundert vom Westen aus kolonialisiert bzw. 1165 vom Markgraf Otto dem Reichen von Meißen das Stadtrecht bekommen hat.

Ist eigentlich alles vollkommen egal.

Es gibt aber eine russische Metal-Band mit Namen Arkona. Jeder Ostdeutsche schaut verwundert auf. Denn diesen ist Arkona (Kap Arkona auf der Ostseeinsel Rügen) ein recht bekannter Ort, wo sie vielleicht schon mal im Urlaub gewesen sind. Ist übrigens nicht weit von Greifswald, dem Geburtsort von Toni Kroos.
Arkona war bis zur Besetzung durch den Flipperbaumkönig Uwe I. eine Burg- und Kultanlage der Slawen gewesen: Jaromarsburg.

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Uwe I.

Bis heute kann man die Reste noch besichtigen.

Die russische Metalband Arkona ist jetzt musikalisch gesehen auch nicht viel anders als ähnliche Bands, wie zum Beispiel Schandmaul aus Deutschland.

[youtube https://www.youtube.com/watch?v=RY3wjFvipUo?start=16&w=560&h=315]

Aber Arkona hat ihre Sängerin.

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Mascha ‚Scream‘ Archipowa

Diese macht den Unterschied.
Zum einen beherrscht sie das Singen von traditionell bis Deathmetal. Zum anderen verkörpert sie mit ihrem Bühnenauftritt und ihren Videos als Hauptakteurin der Band Ideal, Stereotyp, Kunst- und Märchenfigur einer russischen Frau. Sie ist die edle, unbeugsame, wahrhafte, leidenschaftliche, treue, nichteitle, hingebungsvolle, schamhafte, ihre Rolle einnehmende, im Zweifel aber problemlos über ihrer Rolle hinauswachsende Bäuerin, Magd, Zarin, Schamanin, Göttin, Heilige, Kriegerin, Mensch.

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[youtube https://www.youtube.com/watch?v=BaP1wDvkA6E&w=560&h=315]

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Arkona treten weltweit auf. Sie geben sich unpolitisch, aber klar antirassistisch und antifaschistisch.

Die Unterschiede zwischen slawischer und germanischer Kultur im Metal ist, außer, dass die einen dunkle und die anderen blonde Haare haben, nicht besonders groß. Sie ist meiner Meinung nach austauschbar, was ich beruhigend finde.

Hier findet ihr einen unterhaltsamen, ein wenig romantischen Märchenfilm, der davon handelt, dass Nordmänner im heutigen Polen Slawen angreifen.

Wobei mir die Darstellung der Wikinger (Nordmänner) besonders gefällt.

[youtube https://www.youtube.com/watch?v=f1xW0hLe_94&w=560&h=315]

Сергей Александрович Есенин

Russisches Alfaphet_Е

Schon sein Name vereint all diese Tugenden und Eigenheiten, die ich an den russischen Schriftstellern so schätze.
Jessenin klingt weich, fast zart, aber nicht lasch. Die drei Silben seines Namens geben ihm dagegen Gewicht. Das n als letzter Buchstabe rundet das Träumerische pragmatisch ab. Wiederum, rethorisch gefragt, kann eine anderer Name schwermütiger klingen als Jessenin.
Sein Leben erscheint wie die Balance auf einer Stromleitung – hätte sie es gegeben – mitten in Russland. Jeder Schritt brachte scheinbare Erleuchtung, aber auch permanente Todesgefahr. Natürlich ist dies rein oberflächlich. Aber ein zwei Dinge aus seinem Leben stehen dafür. In sehr jungen Jahren wird er von seinem Vater aus Armut zu seinen Großeltern gegeben. Er wächst mitten in Russland in Rjasan auf. Hier findet er alle Themen seiner gebrochenen Dorfprosa. Er bricht den scheinbar rückwärts gewandeten Blick schnörkellos durch die Oktoberrevolution, seine Reisen und seine eigentümliche Hektik. Er geht drei oder sogar vier Ehen ein, unter anderem mit der damals weltbekannten amerikanischen Tänzerin Isadora Duncan. (Der Singer/Songwriter Vic Chesnutt, der sich vor wenigen Jahren selbst tötete, hat über sie und sich tanzend erträumend ein Lied geschrieben.) Immer wieder reist er. Und dann schrieb Jessenin mit Blut sein letztes Gedicht und tötete sich 1925 gleich zwei Mal. Erst schnitt er sich die Pulsadern auf, und dann hing er sich an den Heizungsrohren in seinem Hotelzimmer auf.

Viel Theater, von einem, der immer im Mittelpunkt stehen wollte, meinten manche Dichterkollegen.
Ich würde ihn lieber für seine sensible Exaktheit rühmen, diesen Menschen – diesen Russen – eine Stimme gegeben zu haben in Zeiten der Permanenten Revolution.

Jessenin

Sergei Alexandrowitsch Jessenin

Hier ein kurzes dunkles Gedicht aus dem Jahre 1925. Im Laufe der nächsten Tage gibt es noch ein längeres biographisches Gedicht.
aus Sergej Jessenin, Gedichte, Leipzig 1988, S.213
Ebene, beschneite. Weißer Mond.
Ein Leichentuch über den Feldern, dicht.
In Weiß die Birken weinen im Wald.
Wer kam um hier? Wer starb? Wars nicht ich?

[youtube https://www.youtube.com/watch?v=t4APflj0Fuw&w=560&h=315]

Русский

Russisches Alphabet_Р

Während meiner Schulzeit in Leipzig in der DDR 1973-1985 besuchte ich eine Klasse mit wesentlich mehr Russisch- und später Englischunterricht, als es normal war. Die Parallelklassen meiner Schule ohne den erweiterten Sprachunterricht hielten uns für staatsnah – dabei den sozialistischen Lebensweg fest im Blick habend – und für sozial höher gestellt. Im schönsten Sächsisch formuliert, fanden sie uns „bekloppt“. Wir waren für sie die „Russen“. Wozu brauchte man in der DDR Englisch? Wollte man damit angeben? Wollte man ins NSA (Nichtsozialistische Ausland) reisen, was nur ging, wenn man politisch ganz auf Linie der SED war? Niemand von unseren befreundeten „Brudervölkern“ in Afrika, Lateinamerika oder Asien sprach Englisch. Und schließlich, wozu brauchte man so viel Russischunterricht? Wollte man Karriere im Staatsapparat machen? Was gefiel einem an den „Russen“? In der späten DDR sah man die „Russen“ bzw. die Soldaten der Roten Armee und ihre Angehörigen nur von weitem in ihren ummauerten Kasernen. Oft waren in den Fenstern keine Gardinen, sondern als Kälteschutz Zeitungspapier. Von nahem, bei von staatlicher Seite organisierten „Freundschaftstreffen“, fielen uns die riesigen Brillengestelle, der Knoblauchduft einzelner Genossen bzw. Komsomolzen, die halben Zigaretten „Machorka“, der Wodka-Konsum, die Pelzmützen Tschapka und das als „Russenpanzer“ titulierte Auto „Saporoshez“ auf. Dies erschien den Meisten peinlich, lächerlich, unmodern und in keinster Weise erstrebenswert.

Neben diesen selbstgemachten Erfahrungen gab es die Staatsideologie der DDR. Sie fasste das Verhältnis zur Sowjetunion „Von der Sowjetunion lernen, heißt Siegen lernen“ zusammen. Alles was aus der SU kam, war gut, und es zu hinterfragen, war praktisch ein konterrevolutionärer Akt.

(„Alles außer Frankfurt ist Scheiße!“ ist inhaltlich davon nicht weit entfernt.)

Die DDR-Oberen in ihrer Borniertheit und politischen Arroganz bewirkten mit ihren Bemühungen, uns die sozialistischen „Bruderländer“ näher zu bringen, das Gegenteil.

Deshalb wurde unsere Klasse als die „Russenklasse“ und wir einzeln als „Russe“ tituliert.

„Russe“ war zu meiner Zeit in Leipzig in der DDR ein Schimpfwort. Und Russisch galt -Ähnliches sagte man über das Tschechische – im Volksmund nicht als Sprache, sondern als „Halskrankheit“.

Ich empfand dies nicht so, aber das ist eine andere Geschichte.

Sibieren?

1978, ein Leipziger „Russe“ im Erzgebirge

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Meine Russisch Schulbücher

Владимир Владимирович Маяковский

Russisches Alphabet_М

Ziemlich groß, hager, markantes eindringliches Gesicht, nichts Weiches im grimmigen Blick:
Wladimir Majakowski.
Seine dichterischen Arbeitsgeräte waren im übertragenen Sinn Pressluftbohrer und Stahlhammer und nicht die feine spitze Feder. Für die Revolution kann es nicht laut und grell genug sein.
Die Revolution soll er wie sein eigenes Haus betrachtet haben. Er wohnte darin.
Seine Gedichte, Bilder, Karikaturen und Dramen werden heute bestenfalls aus seiner Zeit gesehen. Seine Zeit war endlich.
Er passte nicht mehr in den sich schnell wandelten Zeitgeist nach Lenin, der 1924 starb und schon Monate vorher außer Gefecht war. Sein Nachfolger Stalin verband sich mit denen oder mit jenen in der Parteiführung, die dann nach getaner Arbeit ebenfalls verfolgt, ins Lager gesteckt und umgebracht wurden.
Majakowski merkte dies sehr wohl. Verworrene Liebesgeschichten, mangelnde Anerkennung, die Karawane war längst weitergezogen, der Hund Majakowski bellte noch immer.
Er erschoß sich 1930.

Seine Gedichte wirken seltsam gehetzt, im Staccato-Rhythmus. Mich erinnern sie an Rap/Hip Hop. Aber nicht weichgespült. Vielmehr läuft bei ihm die Waschmaschine auf vollen Touren bei 90 Grad.
Hier wird nicht erzählt, hier wir angeklagt, aufgerufen, aufgefordert, angeprangert, übertrieben, eingefordert:
Jim Morrison, der viel zu früh verstorbene Sänger der „Doors“, forderte im Lied „When the music’s over“, „Wie want the world and we want it now!“ Mehr wollte Majakowski auch nicht.

Вл._Маяковский

In seinem Poem „Der Fliegende Proletarier“ entwirft er eine Zukunftsvision des vereinigten Weltproletariats. Was Majakowsi 1925 verfasste, klingt dennoch nicht fremd, durchaus modern, agitatorisch, wissenschaftsgläubig, witzig:

Morgens
Um Achte.
Ertönt der Radioweckuhr:
„Genosse – geruhen ruhig runter vom Ohr!
Der Kittel lässt bitten.
Noch irgendein Weckauftrag nicht übermittelt?
Bis dahin, dann! Priwjet!“
Schlaftrunken aber flugs in die Spur
drückt der Bürger den Knopf zur Elektrorasur.
In einer Minute – frisiert ein so glattes Kinn
kriegt selbst Genossin Venus von Milo nicht hin.
Der Stecker zur Buchse und Lippen gewendet:
und die Strombürste -zupp!- bringt ein Lachen, das blendet.
Es braucht keinen Diener! Bedient er den Anlasser
schon prasselt das Bad selbst sein Warmwasser.
Da fliegen ihm Seifenflocken –
und los geht’s: mit Schrubben und Trocknen.

aus Wladimir Majakowski, Der Fliegende Proletarier, Berlin 2015, S. 58-59

[youtube https://www.youtube.com/watch?v=pkylMafbKDY&w=560&h=315]